Zwischen Traum und Wirklichkeit: Max Pechsteins Bild von der Südsee

Gauguin hatte es allen vorgemacht. Des Lebens in Paris überdrüssig, suchte er in der Südsee sein Paradies, hielt sich mehrfach auf Tahiti auf. Diesem Beispiel folgten dreißig Jahre danach Künstler, die sich unter dem Namen „Die Brücke“ zu einer neuen Kunst zusammengefunden hatten – Ernst Ludwig Kirchner, Emil Nolde und Max Pechstein. Sie alle brachten wie Gauguin von ihrer Reise einen neuen Malstil mit, vereinfacht in den Formen, sie alle hatten mit den in der Südsee oder danach entstandenen Gemälden Erfolg, wie auch Gauguin, und noch heute wird Pechsteins Reise gern als Fahrt ins Paradies präsentiert, so geschehen vor zwanzig Jahren im Spendhaus in Reutlingen. „Das ferne Paradies“ hieß die Schau damals in Zusammenarbeit mit dem Museum in Zwickau. Das scheint sich zu wiederholen: „Der Traum vom Paradies“ heißt die neue Präsentation, wieder in Koproduktion mit Zwickau, jedoch ergänzt durch den Untertitel: „Max und Lotte Pechstein in der Südsee“, und das ist ein entscheidender Unterschied.

Er war begeistert, so hatte er sich die Südsee vorgestellt. „Anmutig wippen beim Gehen die meistens gelb, orange oder schwarz gefärbten Grasröcke der weiblichen Bevölkerung, die männliche trägt den Lendenschurz, und in der Hand eine aus Palmblättern geflochtene Tasche mit ihren Kleinigkeiten,“ so schrieb Max Pechstein in sein Tagebuch, und seine Frau Lotte war gleichfalls überwältigt: „Eine Fülle tropischer Gewächse, rot ist die Erde und fast nackt laufen die sehr schön gewachsenen Eingeborenen herum. Kleine, stark gebaute Ochsen ziehen willig schwere Lasten“ schrieb Lotte in ihr Tagebuch, das sie wie ihr Mann reichlich mit Skizzen garnierte. Lange war es unbekannt, 2014 gelangte es als Schenkung an das Max Pechstein Museum in Zwickau, wo es inzwischen transkribiert und ausgewertet wurde.

Doch so begeistert sich Lotte auch über das Leben in der Südsee äußerte, so schaute sie doch sehr viel genauer hin als ihr Mann. Sah er fast ausschließlich Pittoreskes, das ihm auf der Reise als Material zu zahlreichen Skizzen und Zeichnungen diente, die er nach der Rückreise zuhause in Gemälden verarbeitete, so sah Lotte auch die Schattenseiten der Eingeborenenexistenz auf den längst vom Kolonialismus geprägten Südseeinseln. Schon Gauguin hatte erkennen müssen, dass von dem Paradies, das er erwartet hatte, wenig übrig geblieben war; längst schon hatten die Europäer das Leben hier durch Feuerwasser und Feuerwaffen pervertiert.

So finden sich im ausführlichen Begleitbuch zur Ausstellung zu ein- und demselben Datum höchst unterschiedliche Beobachtungen. Zum 12. Juni 1914 beispielsweise notierte Max: „Ich kaufe an Land Kimonos und viel Blumen. Statt wie gedacht die Nacht um 1 Uhr gehen wir erst am Sonnabend 11 Uhr los. Ich sah noch einen Tempel mit den Götzen, vor den Räucherkerzen abgebrannt vor dem Tempel sitzen Friseure, reinigen Ohren und Nase ihrer Kunden.“ Die abgehackten Sätze weisen auf ein rasch zu Papier gebrachtes Tagebuch.

Lotte zum selben Datum: „Vor dem Tempel hat der Barbier sein Arbeitsfeld aufgeschlagen er rasiert und zugleich putz[t] er mit feinen Stäbchen den Chinesen die Ohren, einer der gerade dran war verzog seine Fratze zu einer noch größeren aber wollüstigen wie ein Kätzchen. Ein Kuli, welcher seine Dienste anbot, hatte Würgemale am Hals.“

Die Kunsthistorikerin Aya Soika hat die Tagebücher der Pechsteins in ihrem Buch ergänzt durch Äußerungen von Völkerkundlern, die um dieselbe Zeit in der Südsee weilten und die deutlich machen, wie rosarot die Brille war, mit der Max Pechstein seine Südsee offenbar wahrnahm.

Fotografien zeigen, dass er sich für seine Bilder an das hielt, was auch die Fotografen festhielten, dass deren Fotos – und also auch Pechsteins Bilder – von den Weißen manipuliert waren, die Eingeborenen für die festzuhaltenden Szenen regelrecht für die Kamera drapiert wurden. Aya Soika hat minutiös und anschaulich dargelegt, wie skeptisch man Pechsteins Bild von der Südsee gegenüberstehen muss. Hier wird zu Recht ein Traum demontiert, der lange Zeit den Ausstellungsbetrieb geprägt hat. Insofern stellt ihr Buch geradezu einen Paradigmenwechsel in der Südseedarstellung der Expressionisten dar, nicht nur, weil sie eben auch die Perspektive von Lotte Pechstein berücksichtigt.

Die Ausstellung selbst freilich wird diesem Anspruch nicht gerecht. Zugegeben: Lotte Pechsteins Tagebuch ist in einer elektronischen Medienstation einzusehen, aber die Handschrift ist kaum zu entziffern, die Seiten werden automatisch weitergeblättert, eine Auseinandersetzung mit dem Text wie im Katalog kann nicht stattfinden. Und an den Wänden finden sich neben einigen Fotografien, deren „dokumentarischer“ Realitätsgehalt im Katalogtext hinreichend in Frage gestellt wird, Zitate fast ausschließlich von Pechstein. So zementiert die Ausstellung das, was das Unterfangen eigentlich kritisch hinterfragen will: den Traum, den sich einige Künstler zu Beginn des 20. Jahrhunderts von der Südsee machten und auf ihren Bildern feierten. So liefert die Ausstellung letztlich wieder nur Max Pechsteins Reise in die Südsee. Man kann die eine oder andere vorzügliche Bilddarstellung des Malers genießen, wobei unerfindlich ist, weshalb einige der hier gezeigten Bilder wie etwa sein Gemälde „Früher Morgen“ Eingang in diese Ausstellung gefunden haben sie entstanden Jahre vor der Südseereise. Für die Botschaft, die hinter der Ausstellung stehen soll, muss man sich mit dem Katalogbuch zurückziehen. Hier findet man die eigentliche Wahrheit.

Der Traum vom Paradies. Max und Lotte Pechsteins Reise in die Südsee“. Städtische Galerie Reutlingen bis 22. Januar 2017. Die umfassende Begleitpublikation von Aya Soika im Kerber Verlag kostet an der Museumskasse 29 Euro.

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