Zwischen Werden und Vergehen. Die Kunst des Joseph Bücheler

Gelegentlich kann man hoch oben in Baumkronen seltsame Gebilde entdecken: Sie sehen wie weißlich-gräuliche alte Stoffe aus und erinnern an Vogelschwingen oder auch an Grabtücher. Das sind Arbeiten des 1936 in Wiesbaden geborenen Joseph Bücheler und stammen aus Papier, Weidenstöcken, Graphit und Asche.

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Eislinger Kreisel Beflügelt, 2003. Foto: Michael Flaig © VG Bild-Kunst Bonn 2016

Selbst wenn Bücheler nicht im einen Baum steigt, und dort mithilfe von Zweigen und Papier- und Stoffbahnen Bauminstallationen kreiert, sind Assoziationen an Bäume oder Sträucher unvermeidbar, denn eine typische Bücheler-Plastik besteht aus Holzzweigen, zusammengeschnürt mit Seilen, und verbunden mit dicken Papierbahnen. Bücheler nimmt grundsätzlich altes, gebrauchtes Material – aus Alt mach Neu könnte die Devise lauten, oder auch: nichts darf verkommen: Büchelers Arbeiten haben alle symbolische Assoziationen. Unter dem großen Tisch in seinem Atelier stehen lauter Kartons, in denen er seine Ausgangsmaterialien sammelt.

Von den bedruckten Papieren sieht man an den fertigen Arbeiten allerdings kaum mehr etwas, allenfalls kann man erahnen, dass die farbigen Flecken in seinen Plastiken von alten Reklamedrucken stammen, denn Bücheler überzieht diese geklebten Papierbahnen mit zusätzlichen Schichten – Graphit, Sand, Asche. So entstehen Gebilde, die an große Vögel erinnern, an Segel – zugleich aber auch an den Tod gemahnen, gerade wegen der oberen Schichten. Zugleich aber stehen solche Arbeiten auch für das Leben, denn Bücheler verwendet frische, noch biegsame Zweige, die selbst dann noch trocknen, wenn er mit seinen Papierüberklebungen fertig ist, gelegentlich verändern solche Arbeiten ihre Form sogar noch, wenn sie bereits in Ausstellungen hängen: Zweige biegen sich weiter und verformen die zwischen ihnen gespannten Papierbahnen, manchmal treibt ein Zweig sogar noch aus. Auf die Idee zu diesen Arbeiten kam Bücheler, als er bei einem Entwicklungshilfe in Bangladesch Kunst unterrichtete.

Bücheler ist Autodidakt. Gelernt hat er Polsterer und Tapezier, das waren seine Vorfahren auch. Dann lernte er Glasmalerei, nicht unbedingt, weil es ihn zu dieser Kunst drängte, sondern weil er seine Zukunft zu diesem Zeitpunkt im Kloster sah, wohin er sich auch eine Zeitlang zurückzog. Doch die Kunst erwies sich als der stärkere Magnet, die plastische Kunst zumal: Bücheler schuf Skulpturen aus Polyester, die er nicht selten mit Stoff überzog – das Erbe seiner Vorfahren und seiner ersten handwerklichen Ausbildung. Damals arbeitete Bücheler noch streng abstrakt, sogat geometrisch.

Wenn Bücheler nicht Plastiken aus Zweigen und Papier herstellt, setzt er sich an den Zeichenblock und beginnt, mit dickem Graphitstift so lange hin und her zu fahren,

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Bücheler,Josef_1999. Privatbesitz

bis die oberste Schicht des Papierblocks aufplatzt, dann die Schicht darunter, dann eine dritte. Das Papier, bereits grauschwarz eingefärbt, biegt sich sperrig nach vorn – aus der Zeichnung wird ein Relief.

Auch hier kommen dem Betrachter Gedanken an die Vergänglichkeit in den Sinn, an Zerstörung und Wiedergeburt, wie bei seinen zwischen Holzzweigen gespannten Papierbahnen, von denen einige aussehen wie die Kutten der Mönche von Bettelorden – eine Assoziation, die Bücheler nachvollziehen kann, allerdings nicht angestrebt hat, wie überhaupt viele seiner Kunstideen bei ihm durch Zufall entstanden sind.

Aktuelle Ausstellung: „Josef Bücheler zum Achtzigsten: Material und Gestalt“, Dominikanermuseum Rottweil bis 28.8.2016

Über Josef Bücheler findet sich ein Film von Horst Simschek und mir auf Youtube

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