Abstrakte Malerei im Blumenbild – Emil Nolde

1930 bezog Emil Nolde ein Haus bei Seebüll, das er selbst entworfen hatte – modern nach dem Vorbild der klaren Linien, wie sie das Bauhaus lehrte. Und auch der Garten voller farbenfroher Blumen folgte seinem Entwurf und sieht heute noch so aus wie zu seinen Lebzeiten, und aus diesem Garten bezog er die wesentlichen Impulse für seine Malerei. Eine Ausstellung im Kunstmuseum Ravensburg zeigt, dass er durchaus als Blumenmaler bezeichnet werden kann, aber nicht, weil er unbedingt Blumen malen wollte – Blumen waren für ihn nur Anlass für einen expressiven Umgang mit Farbe.

Man erkennt die hoch aufragenden Blütenstände der Lupinen, die weichen großen Blütenblätter des Klatschmohns – und doch malte Emil Nolde auf diesem Bild 1947 nicht Blumen, er malte die Farbe. Früh schon entdeckte er in der Natur weniger die Pflanzenwelt, als vielmehr mit dem Auge des geborenen Malers die Farbenpracht. Die Farben der Blumen hätten ihn fast unwiderstehlich angezogen, schrieb er einmal, und schon sei er beim Malen gelandet. So wäre es also falsch, von Nolde als dem Blumenmaler zu sprechen, Nolde war Farbenmaler par excellence, und es sind die leuchtend strahlenden Farben. Dabei hatte er in München bei Adolf Hölzel die dunkle Palette kennengelernt, und so sind seine frühen Gemälde denn auch Nachtbilder. Aber während die Farben auf den Bildern, die Adolf Hölzel in Dachau mit seinen Studenten malte, eher graudurchtränkt waren, die Landschaft neblig wirkte, verwendete Nolde schon früh kräftige, reine Farben.

 

Der Fels auf seinem Bild „Vor Sonnenaufgang“ ist nicht steinig-grau, sondern nachtschwarz, das Meer von leuchtendem Blau, die ersten Sonnenstrahlen gleißen goldorange. Als er sich dann der Welt der Blumengärten zuwandte, hellte sich seine Palette vollends auf.

Und schon die frühen Arbeiten dieser Motivwelt zeigen, dass es ihm nur vordergründig auf die Pflanzen ankam, wie sehr ihn vor allem der Umgang mit er Farbe reizte. Sehr bald schon lösen sich die Gegenstände bei ihm auf, reichen ihm ein paar Farbtupfer, um die Welt der Naturobjekte in fast abstrakte Malerei übergehen zu lassen.

Nolde hatte einen Stil gefunden, der ihn von seinen übrigen Malerkollegen unterschied. Zwar gehörte er ein Jahr der expressionistischen Künstlergruppe Die Brücke an, doch wäre es falsch, bei ihm von Expressionismus zu sprechen. Er drückt weniger sein inneres Empfinden aus als vielmehr den Reiz auf der Netzhaut des Auges. Auch seine Bilder des Großstadtlebens sind anders als die eines Schmitt-Rottluff. Hatte sich dieser Expressionist begeistert in das Großstadttreiben geworfen, blieb Nolde eher distanzierter Beobachter, und auch hier fügen sich seine Bildszenen aus fast abstrakten Farbflächen zusammen. Noch bevor ein Wassili Kandinsky auf der Leinwand die radikale Abstraktion entwickelte, schuf Nolde Bilder, die auf ganz andere Weise abstrakt waren, wiewohl sie am Motiv der Blumen und Figuren festhielten.

Düster-geheimnisvoll wurde Nolde, wenn er sich dem Meer zuwandte. Da entdeckte er auch Kobolde, Trolle, schließlich war ihm die skandinavische Sagenwelt wohl vertraut. Aber auch hier entwickelte er seine ganz eigene Farbpalette – wie auch seine religiösen Bilder, immerhin einundfünfzig an der Zahl, weniger streng ikonographisch biblisch waren, als vielmehr die Figuren aus der Farbe heraus charakterisierten.

In späteren Jahren beruhigte sich sein an van Gogh geschulter tupfenhafter Pinselstrich, die Bilder wirken flächiger und noch abstrakter. Zur Vollendung brachte er diese Gratwanderung zwischen figürlicher Darstellung und abstrakter Malerei auf den in den 30er Jahren entstandenen Aquarellen, bei denen er ganz von der geradezu informell aufgetragenen Farbe ausging, ehe die informelle Malerei überhaupt erfunden war. Erst nachträglich zeichnete er in abstrakte Aquarellfarbwolken Gesichtszüge ein, der Beginn eines solchen Bildes aber war Farbmalerei im reinsten Sinn, der Gegenständlichkeit motivisch verhaftet, und doch hochmodern zugleich.

Emil Nolde. Der Maler“, Kunstmuseum Ravensburg in Zusammenarbeit mit dem Brücke-Museum bis 5.2.2017

Ein Gedanke zu „Abstrakte Malerei im Blumenbild – Emil Nolde

  1. Volker Caesar

    Guten Abend Herr Dr. Zerbst,

    erst jetzt habe ich Ihr Kulturblog entdeckt, blättere zurück, entdecke, was an mir unbeachtet vorbei gegangen ist und freue mich, wie Sie uns Leser, Hörer und Betrachter mit Ihrer eigenen Lust an der Kultur anzustecken vermögen. Sie werden mich nun sicher häufiger als Gast auf Ihren Seiten finden.

    Hans Fähnle ist in Überlingen mittlerweile aus der Verschollenheit zurück und die Galerie spielt eine bescheidene aber anspruchsvolle Rolle im Kulturbetrieb. Das Gebäude mit der Sammlung wurde ins Denkmalbuch eingetragen. Die Bestandsdokumentation der Arbeiten auf Papier durch Studierende der Stuttgarter Akademie soll bis 2018 abgschlossen sein. Dann lässt sich vielleicht an eine größere Grafikausstellung denken.

    Mit herzlichen Grüßen aus Rottenburg
    Volket Caesar

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