Auflösung von Gegensätzen: Das künstlerische Schaffen von Peter Weber

Die verschiedensten Gegensätze ziehen sich seit Jahrhunderten durch die Kunstgeschichte: der Gegensatz von Vorder- und Hintergrund, von Künstler und Betrachter, von aktivem und passivem Kunstgenuss, von Zwei – oder Dreidimensionalität, Statik oder Bewegung. Im Werk von Peter Weber scheinen diese Gegensätze zum Teil sogar gehäuft auf und auf geradezu spielerische Weise miteinander versöhnt, wie jetzt eine Retrospektive im Museum Ritter zeigt und schon in Untertitel andeutet: „Struktur und Wandel“.

Ohne Titel / Untitled,1968 © VG Bild-Kunst, Bonn 2022, Foto: Horst Simschek

Die früheste Arbeit dieser Ausstellung wirkt wie eine herkömmliche abstrakte Graphik – Peter Weber war da 24 Jahre alt und hatte eine Lehre zum Schriftsetzer absolviert. Doch bei der Herstellung dieser Zeichnung stellte er so ziemlich alles auf den Kopf, was man mit dieser Kunstgattung verbindet. Er legte auf eine mit Druckerschwärze eingefärbte Metallplatte ein Blatt Papier und bearbeitete es mit Händen und Fingernägeln. Die Arbeitsfläche – also die Fläche, auf der man normalerweise zeichnet – war immer noch im wahrsten Sinne des Wortes ein unbeschriebenes Blatt, doch auf der Rückseite ergab die Druckerschwärze eine filigrane Zeichnung, der man ansieht, das sie niemals mit Stift oder Pinsel hätte hergestellt werden können. Das eigentliche Bild war die Rückseite, eine Zeichnung gewissermaßen ex negativo.

Diese Umkehrung der Verhältnisse sollte sein weiteres Schaffen prägen, vor allem das Spiel mit Vorder- und Rückseite. Zunächst überdeckte er Buchseiten mit unterschiedlich geriffeltem Glas. Das Resultat: Mit jeder Bewegung des Betrachters verändert sich für ihn das Bild, es scheint sich zu bewegen. Einmal scheinen Bildelemente sogar zu tanzen, und in einem anderen Fall ergibt sich das Bild überhaupt erst durch die Bewegung des Betrachters. Der Rezipient wird zum Mitproduzenten des Bildes, so wie eine Beethovensinfonie ja auch erst nur Partitur ist, reines Notenmaterial, und noch der Realisierung durch andere bedarf, um zum Kunstwerk zu werden.

Ohne Titel / Untitled, 1980, Ausschnitt © VG Bild-Kunst, Bonn 2022, Foto: Horst Simschek

Diese Illusion von Bewegung erweckte Weber danach auch ohne die Hilfe des geriffelten Glases mit seinen „Interferenzbildern“. Durch raffiniert gesetzte Überlagerungen von gemalten Parallelstreifen erzielte er gleich mehrere Wirkungen. Ausgerechnet bei einem Bild, dessen Streifen exakt gezogen sind – man kann aus der Nähe nachvollziehen, wie exakt – wird das Bild unscharf, die Konturen verschwimmen im Auge des Betrachters, was präzise gezeichnet ist, wird vage, und dabei fängt das Auge an, Dinge zu sehen, die gar nicht gezeichnet sind: weiße runde Säulen in einem großen dunklen Raum mit schwarzen tiefen Löchern. Das Bild scheint in Bewegung zu sein, die Malfläche räumlich zu werden.

In den 90er Jahren entdeckte er dann das Ausdrucksmedium, das zu seinem Markenzeichen werden sollte und das ansonsten lediglich in der japanischen Kunst populär ist: die Faltung. Nur während im japanischen Origami kleine Figuren entstehen, bleibt Weber wie seither auch rein abstrakt und geometrisch. Große Leinwandflächen faltete er so, dass sie wie Kompositionen aus lauter schmalen Streifen wirken. Einige dieser Streifen übermalte er danach mit weißer Farbe und schuf so aus ein und demselben geometrischen Streifenmuster Bilder, die den Eindruck von Vorder- und Hintergrund erwecken: Aus der rein flächigen Geometrie wird so etwas wie ein Bild mit Zentralperspektive.

Peter Weber, Streifendurchdringung FOR10, 2013 © VG Bild-Kunst, Bonn 2022, Foto: Peter Weber

Diese Tiefe erreichte er im Lauf seiner Entwicklung dadurch, dass er die ursprünglich wie glattgebügelt wirkenden Faltungen locker auf die Grundfläche aufbrachte, sodass sie, vor allem seit icht mehr Leinwand oder Papier faltete, sondern zum Teil mehrere Zentimeter dicken Filz, wie ein Hochrelief wirken. Das Spiel mit dem Eindruck von Dreidimensionalität, das er in seinen Interferenzbildern rein malerisch zuwege gebracht hatte, erzielte er nun mit dem Material und der immer lockereren Faltung.

Und auch dem Phänomen Bewegung blieb er treu. Aus transparentem Kunststoff schuf er beispielsweise eine Serie von fünf Kompositionen, in denen ein Quadrat schrittweise aus dem Vordergrund in den Hintergrund zu weichen scheint. In einem anderen Fall scheint ein Quadrat wie eine Kugel einen stufenartigen Abhang hinabzurollen.

Bei solchen Arbeiten spielt Weber geometrische Problemsituationen bis zur letzten Konsequenz durch, die Geometrie wird zu einem formal geschlossenen System. In anderen Arbeiten zeigt er die Offenheit der geometrischen Durchdringung, wie schon der Titel Ohne Anfang ohne Ende zeigt. Bei einer anderen Arbeit scheint er während der Faltung die Lust verloren zu haben, eine Hälfte der Stofffläche ist gefaltet, die andere hängt lasch nach unten: System + Zufall.

So verbindet Peter Weber in seinen Arbeiten immer wieder meist mehrere Gegensätze, die das bildnerische Schaffen der Künstler seit Jahrhunderten bewegt haben, nur dass sie bei ihm zur Synthese gebracht werden. Hinzu kommt, dass der Betrachter jedesmal versucht herauszubekommen, wie Weber diese Faltungen rein technisch bewerkstelligt; es bleibt für den Betrachter ein Rätsel, denn alle Objekte sind, wie die Arbeit System + Zufall andeutet – ohne Schere oder Klebstoff aus jeweils einer einzigen Fläche entstanden – aus Fläche wird Räumlichkeit, aus Statik Bewegung. Das alles wirkt spielerisch und basiert doch auf genauester mathematischer Berechnung. Hinter allem, was Weber in seinen nunmehr fast sechzig Jahren als Künstler zuwege brachte, steckt die strenge Geometrie, die jedoch nie streng wirkt, vermutlich weil bei ihm die Liebe zur Geometrie so groß ist.

Peter Weber. Struktur und Wandel“, Museum Ritter, Waldenbuch, bis 18.9.2022. Katalog 56 Seiten, 17 Euro

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