Deutsche Wurzeln: Samuel Beckett im Literaturmuseum der Moderne

Er ist der am zweithäufigsten aufgeführte französische Autor außerhalb von Frankreich, auch wenn er auf unseren Bühnen nicht mehr so oft anzutreffen ist wie in den 80er oder 90er Jahren: Samuel Beckett. Dabei war er Brite, nahm die irische Staatsbürgerschaft an und schrieb zunächst in seiner Muttersprache, bis er sich ganz der französischen Sprache zuwandte und seine Werke erst dann selbst ins Englische übertrug. Frankreich also prägte ihn, auch James Joyce, von dem er einige Texte ins Französische übersetzte. Eine Ausstellung im Literaturmuseum der Moderne in Marbach zeigt, dass die vielleicht wesentlichsten Impulse für sein Denken und Schaffen deutschen Ursprungs sind: German fever.

German Diaries, Notebook 3, 6.-7. Februar 1937 (Foto: DLA Marbach)

Selbst Beckett, dessen Werke so fern von jeder Weltlichkeit wirken, ließ sich durch persönliche Erlebnisse inspirieren. So verliebte er sich in seine in Kassel lebende Cousine Ruth Margaret genannt „Peggy“ Sinclair. Ihretwegen reiste er 1928 nach Deutschland, ihr setzte er in einem frühen Roman (der allerdings erst nach seinem Tod veröffentlicht wurde) ein Denkmal – und es folgte acht Jahre danach sein langer Aufenthalt in Deutschland, das freilich zu seinem Entsetzen unübersehbar in der Hand der Nazis war. Diese lange Reise fand ihren Niederschlag in sechs dicht beschriebenen Heften mit Notizen über deutsche Kultur, aber auch über das Essen fest – mit der sich schon zu diesem Zeitpunkt entwickelnden manischen Besessenheit für Details.

Die Hefte sind größtenteils auf englisch verfasst, aber es finden sich auch deutsche Texte, die einen Einblick in die Art geben, wie Beckett sich diese Sprache beibrachte: durch Lektüre der Klassiker und durch Exzerpieren aus Literaturgeschichten.

Samuel Becketts Exzerpte zur deutschen Literaturgeschichte aus J.G. Robertsons A History of German Literature, um 1934 (Foto: Trinity College Dublin)

Und nicht nur die Sprache lernte er auf diese Weise, er fand auch Stoff für seine späteren Werke. So hatte es ihm Fontanes Effi Briest angetan, die er in seinem Theaterstück Das letzte Band zitierte. Walther von der Vogelweides berühmte Zeilen über sein Nachdenken auf einem Stein finden sich wieder. Vor allem Goethe zog ihn an und stieß ihn zugleich auch wieder ab, dessen Dichtung und Wahrheit (das er als Wahrheit und Dichtung zitiert), das Gedicht Prometheus, das er eigens abtippte, das Typoskript ist zu sehen, und natürlich Faust, den er später in seinem Roman Watt mit dem Satz „Die Merde hat mich wieder“ verballhornt, denn Goethes Ästhetik und vorwärtsdrängende Weltanschauung widersprach bereits zu diesem Zeitpunkt Becketts Philosophie. In seiner Auseinandersetzung mit Goethe entwickelte er sein Weltbild ohne jegliche Kohärenz, dafür voller Absurdität, und dies Jahre vor Albert Camus‘ berühmtem Essay zu diesem Phänomen. Kein Wunder, dass ihm vor allem Hölderlins späte Gedichte zusagten.

Und die deutsche Kunst! Ausführlich äußert er sich zu Dürer, verschickt Kunstpostkarten an Freunde und kommentiert ausführlich über fünfhundert Kunstwerke, darunter auch moderne, obwohl der Zugang durch die Nazis stark erschwert war. So entwickelte Beckett Jahre vor seinem literarischen Durchbruch in Deutschland seine spätere Philosophie und Ästhetik, etwa die für ihn so wichtigen Pausen durch seine Auseinandersetzung mit Beethoven („Gibt es irgendeinen Grund, warum jene fürchterlich willkürliche Materialität der Wortfläche nicht aufgelöst werden sollte, wie z. B. die von großen schwarzen Pausen gefressene Tonfläche in der siebten Symphonie von Beethoven, so dass wir sie ganze Seiten durch nicht anders wahrnehmen können als etwa einen schwindelnden unergründliche Schlünde von Stillschweigen verknüpfenden Pfad von Lauten?“ sic!).

So kann man Schritt für Schritt die Geburt des späteren Samuel Beckett nachverfolgen. Selbst sein Angewohnheit, Werke in zwei Sprachen abzufassen, entwickelte sich bereits in Deutschland, wo er seine englischen Gedichte auszugsweise ins Deutsche übersetzte und dabei sehr frei mit seinem eigenen Text umging, eine Freiheit, die er sich Jahrzehnte danach auch bei seiner Inszenierung eigener Stücke leistete.

Und Deutschland sollte ihn weiter begleiten. Peter Suhrkamp und in seinem Gefolge sein Nachfolger Siegfried Unseld setzten sich für Beckett ein, obwohl sie wussten, dass sich das Unternehmen pekuniär nicht auszahlen würde; das sollte sich in späteren Jahrzehnten allerdings ändern. Elmar Tophoven konnte als Übersetzer gewonnen werden, mit dem Beckett in Paris eng zusammenarbeitete, und die Exponate der Ausstellung zeigen, wie minutiös er an der Übersetzung mitwirkte. Und Beckett wusste, was er dem Verlag zu verdanken hatte, der für ihn – ungewöhnliches Geständnis des eher spröden Autors „eine Art Heimat“ wurde.

Und schließlich verdankt Beckett Deutschland seine Geburt als Theaterregisseur, als er in den 60er Jahren eigene Stücke am Berliner Schiller-Theater inszenierte. Seine Regiebücher zeigen einen penibel vorbereitenden Regisseur, der vor allem jede Bewegung genauestens plante. Beckett, der exakte Kenner kleinster Bewegungen, wird hier erkennbar, und das führte schließlich zu seiner letzten Großtat in Deutschland:

Manuskript zu Quad (Foto: Universität Reading) 

seine Hör- und Fernsehspiele, die er für den Süddeutschen Rundfunk verfasste. Sein Fernsehstück Quadrat, das er 1981 schrieb, besteht ausschließlich aus Anweisungen für die Bewegungen der vier Akteure.

So führt die Ausstellung vor, wie wichtig Deutschland im Leben und Wirken von Samuel Beckett war, dass es ihn so, wie wir ihn kennen, möglicherweise ohne die Auseinandersetzung mit deutscher Kunst nicht geben würde. Daher sind die ersten beiden Kapitel dieser Ausstellung eine aufregende Lektüre für jeden, der wissen will, wie Samuel Beckett zu dem Beckett wurde.

Germen fever. Beckett in Deutschland“, Literaturmuseum der Moderne, Marbach, bis 29.7.2018. Katalog 245 Seiten

Ein Gedanke zu „Deutsche Wurzeln: Samuel Beckett im Literaturmuseum der Moderne

  1. Volker Caesar

    Lieber Herr Dr. Zerbst,
    vielen Dank für Ihren Hinweis und die Vorstellung der Marbacher Ausstellung. Gerade erst habe ich in Erika Tophovens „Becketts Berlin“ seine akribischen Notizen zu den dortigen Museumsbesuchen gelesen und freue mich darauf, mehr über seine ausgedehnte Deutschlandreise zu erfahren. Auch auf den Katalog bin ich gespannt. Ihr Blog macht immer wieder neugierig und hilft bei der Auswahl im reichen BW Kulturangebot. Danke dafür.
    Herzliche Grüße aus dem Neckartal
    Volker Caesar

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