Es hängt alles irgendwie zusammen. Eine Ausstellung im Kunstmuseum Ravensburg über das Verhältnis Mensch und Pflanze

Kaum eine politische Debatte mehr ohne einen Gedanken an die Natur – und doch ist sie gefährdeter denn je – durch Schuld des Menschen. Allzu sehr hat er sich das Bibelwort zu eigen gemacht, der Mensch solle sich die Erde untertan machen. Das Kunstmuseum Ravensburg will jetzt mit einer großen, 500 Jahre umfassenden Ausstellung das Bewusstsein nochmals schärfen. „Ich bin eine Pflanze“ heißt die Ausstellung, gezeigt werden, wie der Untertitel verheißt: Naturprozesse in der Kunst.

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Van Kesssel (Nach A. Schiavone). Apollo und Daphne in Landschaft mit Flussgott (Kunstsammlungen der Fürsten  zu Waldburg.Wolfegg, Schloss Wolfegg)

 

Liebestoll stellt Gott Apollo der Nymphe Daphne nach. Die verzweifelt Fliehende kann nur in letzter Minute ein Zauberspruch retten, der sie in einen Baum verwandelt. So erzählte es Ovid in seinen „Metamorphosen“ im antiken Rom, und so haben es zahlreiche Künstler im Bild festgehalten. Die Ausstellung zeigt Beispiele aus dem 16. Jahrhundert. Aber was für uns nur eine hübsche Fabel ist, entsprach in der Antike bis zur frühen Neuzeit dem Weltverständnis der Menschen. Mensch und Natur galten wie selbstverständlich als Einheit: Der Mensch ist lediglich ein Mikrokosmos im Makrokosmos. Das lebte in den Mythen weiter, im Mittelalter dann in einer ganzen Reihe von Mikro-Makrokosmoshandschriften. In ihnen steht der Mensch als Verbindungsglied zwischen der Erde und dem Himmel, er ist eingebunden in planetarische Zusammenhänge, ein Teil dieses Kosmos.

 

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Unbekannter Künstler. Anthropomorphe Mensch-Baum-Gestalt. (Kunstsammlungen der Fürsten  zu Waldburg.Wolfegg, Schloss Wolfegg)

Ab dem 18. Jahrhundert allerdings ändert sich das Weltbild, die Naturwissenschaften entstehen und zeichnen ein Bild von der Welt als Maschine, die der Mensch bedienen könne. Die natürliche Einheit zerfällt, erst recht im 19. Jahrhundert – nur nicht bei den Künstlern. Die Impressionisten zieht es hinaus in die Natur, die sie in ihren Bildern so festhalten, wie sie sich dem Auge darbietet, und die Expressionisten empfinden die Natur gar als Gegenwelt zur verkrusteten bürgerlichen Welt und baden nackt in den Moritzburger Seen. Da wird die Natur als Idylle inszeniert und gesellschaftskritisch als Gegenbild zu einer Realität gesetzt, die im Zuge der Industrialisierung zunehmend entzaubert wurde. So würdigen die Expressionisten die Pflanze als eigenes Wesen, das keinerlei Staffage durch das Menschenleben mehr bedarf. So malte Emil Nolde Blumen in Großformat, Paula Modersohn-Becker schuf eine Hommage an einen einzelnen Baum – und als Paul Gauguin seinem soeben verstorbenen Freund Vincent van Gogh ein bildnerisches Denkmal setzte, nahmen sogar Pflanzen die Stelle des Menschen ein. Statt ein Porträt seines Freundes auf die Leinwand zu bringen, beschränkte sich Gauguin darauf, ein Stillleben mit van Goghs Lieblingsblumen zu gestalten – den Sonnenblumen. Sie stehen stellvertretend für van Gogh.

Da sind wir nicht mehr so weit von der in einen Baum verwandelten Daphne entfernt – der Mensch als Pflanze! Kein Wunder, dass auch der alte Mythos wieder in den Kunstwerken auftaucht. Renee Sintenis schuf eine kleine „Daphne“-Skulptur, André Masson eine zarte Zeichnung eines sich nach oben reckenden Frauenkörpers, dessen Arme in einem Baumzweig auslaufen. Die Künstler beschritten mit einem solchen Naturverständnis einen Sonderweg im Unterschied zu den braven Bürgern – und diese Vorreiterrolle, das macht die Ausstellung deutlich, üben sie bis heute aus. Josef Beuys – der sich früh bei den Grünen engagierte – zeichnete immer wieder Tiere, arbeitete mit Naturmaterialien. Gerade Letzteres wird im 20. Jahrhundert in der Kunst immer häufiger geübt. Max Ernst bringt die Natur zunächst noch vermittelt in seine Bilder ein – in Form von Frottagen, die er von Blättern abnahm. Zunehmend aber wird die Natur nicht mehr nur dargestellt, sie wird selbst zum Grundstoff für die Künstler.

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Herman de Vries. From Earth: From Stuttgart & Around. Kunstmuseum Stuttgart

Herman de Vries zum Beispiel. Der in Stuttgart lebende Künstler sammelt in aller Welt Erde – in den verschiedensten Farben, je nach mineralischer Zusammensetzung. So hat er ein ganzes Museum von Erdbeispielen angelegt. Diese Erden werden dann zu Pulver verrieben, mit dem er Blätter einfärbt. Und in Performances, die auf Fotos und Videos festgehalten sind, verwandelt sich beispielsweise die Kubanerin Ana Mendieta in einen Baum – wie vor 2000 Jahren bei Ovid beschrieben.

Ich bin eine Pflanze. Naturprozesse in der Kunst. Kunstmuseum Ravensburg. Burgstraße 9. 88212 Ravensburg. Dienstag bis Sonntag 11 bis 18 Uhr, Donnerstag 11-19 Uhr. Der Katalog ist im Kerber Verlag erschienen: 152 Seiten 28,- Euro

Das Kunstmuseum Ravensburg wurde von der AICA, der internationalen Vereinigung von Kunstkritikern, zum Museum des Jahres 2015 gekürt. Die ausstellungen seien hervorragend präsentiert und allgemeinverständlich auch einem größeren Publikum zugänglich. Das Kunstmuseum Ravensburg steht damit in einer Reihe früher ausgezeichneter Museen wie dem MARTa Museum in Herford und dem Städel Museum in Frankfurt.

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