Es werde Licht: Lichte Momente im Stadthaus Ulm

Es ist das in unserem Sprachraum am positivsten besetzte Phänomen. Wann immer das Wort Licht auftaucht, blitzen Konnotationen von Helligkeit auf, damit verbunden Erhellung, Aufklärung, Wissen. Finster ist das Böse, die Unvernunft. Physikalisch ist das schwer erklärbar, denn Licht hat mit strahlender Helle nichts zu tun, Licht ist reine Energie, als solche nicht sichtbar. In einer Ausstellung im Stadthaus Ulm kann man diesem Widerspruch nachspüren, sie zeigt Lichte Momente.

Was für eine Energieentladung! Optisch macht sie sich als grelle Lichterscheinung bemerkbar, doch was wir da sehen, ist nicht Energie, denn die ist nicht sichtbar; was wir sehen ist ein Funkenschlag, ausgelöst durch eine hohe elektrostatische Aufladung. Julius von Bismarck hat solche Blitze in Venezuela fotografiert. Angesichts dieser Bilder liegen Gedanken an die Gefährlichkeit derartiger Naturereignisse nahe, aber auch die Faszination solcher Lichtphänomene, und so wie der Blitz aufgenommen wurde, denkt man möglicherweise auch an eine Verbindung zwischen Himmel und Erde nach. Und doch hat das alles mit Natur nur bedingt zu tun, denn Julius von Bismarck hat die Blitze künstlich auslösen lassen. Kunst zwischen Natur und Technik.

Das findet sich auch bei Klaus Heider. Er allerdings nahm sich tatsächlich vorhandenes Licht zum Ausgangspunkt, nämlich das, das durch die Öffnung im Kuppeldach des Pantheon in Rom ins Innere einfällt. Heider hielt es mit der Kamera fest, je nach Stand der Sonne – und auch er verband Kunst und Wissenschaft. Er plante nämlich, mithilfe von Laserlicht eine Pyramide in diesen Lichtstrahl einzubauen – ein Projekt, das nie realisiert wurde, von Heider aber mit Fotomanipulationen nachgestellt wurde – eine magisch anmutende Lichtarchitektur entstand, die durch die Wahl der Pyramidenform wiederum Kunst und Wissenschaft verband, wurden die Größenrelationen der ägyptischen Pyramiden doch errechnet aus der Relation von Sonne, Erde und Planeten.

Aber Licht kann auch künstlich erzeugt werden. Mithilfe einer Taschenlampe schuf Heider zahlreiche Lichtzeichnungen – fixiert durch Fotopapier. Licht zwischen Kunst und Technik.

Nahezu alle Arbeiten sind in diesem Bereich zwischen Natur und Kunst oder auch Künstlichkeit angesiedelt, selbst wenn man es auf den ersten Blick nicht erkennt. Peter Bialobrzeski fotografierte Urwaldvegetation in Ostasien. Paradise Now nannte er die Fotos, und in der Tat ist die Vegetation in paradiesisch anmutendes Licht getaucht, geheimnisvoll – es ist aber ein Licht, das es von der Natur her gar nicht geben dürfte, es ist der durch die nahen Großstädte erzeugte Lichtsmog – Umweltverschmutzung also – und so sind die Fotos mit ihrem Titel auch ein Memento, denn wenn die menschliche Zivilisation die Umweltvernichtung weiter vorantreibt, wird es solche Naturparadiese wohl nicht mehr geben.

Höchstens künstliche Paradiese, wie sie Ralf Peters mit dem Fotoapparat realisiert hat. Es sind Naturszenen, nächtliche Baumbilder, denen gleichwohl etwas Unwirkliches anhaftet. Peters hat die Motive mit einer starken, zudem noch bewegten Lampe angestrahlt: Aus der Natur wird unversehens eine Kunstlandschaft zwischen Tag und Nacht, Sein und Schein.

Will man pure Lichtnatur, dann wende man sich dem Kontrastprogramm zu, das Jürgen Grözinger auf seinen Fotos festgehalten hat. Dieses Licht und diese Landschaften gibt es tatsächlich. Die Bilder entstanden in Island an der Zeitgrenze zwischen dem ausgehenden Winter und dem beginnenden Frühling, wenn sich in Island nach Monaten der Dunkelheit, wie wir sie hierzulande nur von der Nacht kennen, die ersten lichten Momente zeigen.

Präsentiert Peters auf seinen Fotos eine reale Natur, als wäre sie unwirklich, gaukelt Ólafur Elíasson mit Licht gar ein Modell eines Universums vor, ein fantastischer Blick wie in ein von Lichtphänomenen durchzogenes Weltall. Licht findet sich im Ulmer Stadthaus auch ohne Zutun der Künstler. Richard Meier, der das Haus vor fünfundzwanzig Jahren erdacht hat, ist ein Meister der Fensterarchitektur. Immer wieder erlauben seine Bauten Blicke in die Außenwelt und lassen so tagsüber das natürliche Licht in den Innenraum strahlen. Insofern hätte man für eine Ausstellung zum Thema Licht kein besseres Gebäude auswählen können, bzw. zum Jubiläum kein besseres Ausstellungsthema.

Lichte Momente, die der Ausstellungstitel verspricht, finden sich hier allenthalben – und sie haben Ulrich Vogl zu seinen Arbeiten inspiriert. Er gestaltet Fenster der besonderen Art. Was wie ein schattenhafter Blick durch ein normales Fenster wirkt, auf dessen Sims ein Balkonkasten mit Blumen steht, ist in Wirklichkeit nichts als Vorspiegelung falscher Tatsachen. Ein Scheinwerfer richtet den Lichtstrahl schräg auf einen Spiegel, auf den zwei Klebebänder angebracht sind. Davor bewegt sich etwas Heu im Wind eines Ventilators. Das Licht wirft an die Wand ein Schattenbild von einem Blick durch ein Fenster, die Klebebänder erzeugen die Illusion eines Fensterkreuzes. Man kann an Platons Höhlengleichnis denken, dem zufolge die Menschen von der eigentlichen Realität der Objekte dieser Welt ja auch nicht mehr zu sehen bekommen als Schatten.

Und noch virtueller ist Vogls Window to go – ein temporäres Fenster gewissermaßen, aus Plastikstreifen überall leicht anzubringen und wieder abzubauen. Das Kosmetikköfferchen, in dem man es transportieren kann, steht daneben. Nur eines liefert dieses Fenster nicht: lichte Momente. Da muss man dann doch die eigene Fantasie bemühen – oder eines der Fenster im Ulmer Stadthaus.

Lichte Momente. Fotografie, Lichtobjekte und Installationen zum Thema Licht“. Stadthaus Ulm bis 10.3.2019

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