Meister der Schattierung: Der Radierer Felix Hollenberg

Ausgerechnet einer der größten Maler der Kunstgeschichte ebnete der Radierung den Weg in die Hochkunst, denn jahrhundertelang galt sie lediglich als Reproduziertechnik großer Gemälde, mithin also als Kunst eher zweiter Klasse. Rembrandt experimentierte und brachte in die eigentlich auf reine Strichgrafik beschränkte Technik geradezu malerische Qualitäten ein. Dennoch war es noch bis ins 20. Jahrhundert ungewöhnlich, dass sich ein Künstler ganz dieser Technik verschrieb. Felix Hollenberg, Jahrgang 1868, tat es und ging so hochverdient in die Kunstgeschichte ein. Eine Ausstellung im Kunstmuseum Albstadt ehrt ihn mit einer großen Retrospektive – mit gutem Grund, verfügt es doch über den größten Hollenbergbestand überhaupt.

Heide mit Birken, 1890, Ätzradierung. Kunstmuseum Albstadt, Felix Hollenberg-Archiv Foto: Lengerer,Albstadt

Wann genau das Interesse für die Radierung im jungen Felix Hollenberg geweckt wurde, ist schwer auszumachen. „Wiederaufnahme früherer Beschäftigung mit der Radierung“ meldet die Vita des Künstlers im umfangreichen Begleitbuch zur Ausstellung, da war er einundzwanzig, und einige Blätter aus dieser Zeit zeigen, dass er die Technik bereits meisterhaft beherrschte. Mit feinsten Linien porträtiert er eine Birke mit ihrem zarten Geäst. Vielleicht hatte sein Vater ihn auf die Druckgrafik gebracht, er war Chefredakteur eines „Polytechnischen Journals“ in Stuttgart. Die Radierung jedenfalls ließ den angehenden Künstler nicht mehr los, auch wenn er im Bereich der Malerei durchaus ein feines Gespür für Farbvaleurs entwickelte. Doch als Maler hätte er sicher nicht den Namen errungen, den er als Radierer in der Kunstgeschichte erhielt. Schon die Bücher seiner Privatbibliothek, die im Anhang des Begleitbuchs aufgelistet sind, zeigen sein intensives, geradezu wissenschaftliches, zumindest sehr systematisches Interesse an der Technik, und schließlich verfasste er selbst ein allerdings erst posthum veröffentlichtes „Handbuch für Malerradierer“. Mit diesem Begriff machte er deutlich, dass er die Radierung als eigenständige Kunst verstand – und als solche bis in die feinsten technischen Raffinessen beherrschte. Mithilfe der Ätz- und Mezzotintoradierung befreite er souverän die Radierung von ihrer Beschränkung auf die feine Linie. Auf diese Weise gelang ihm eine geradezu malerische Radierkunst, seine Bilder erhielten zudem eine ungewöhnliche Tiefe, was gerade bei weiten Landschaften eine ungemeine Wirkung erzielt.

Im Lampenschein, 1926, Ätzradierung. Kunstmuseum Albstadt, Felix Hollenberg-Archiv. Foto: Lengerer,Albstadt

Dabei war er vor allem ein Meister, wenn es darum ging, angeraute Metallplatten wieder glattzupolieren. An einigen kupfernen Druckstöcken kann man sein Vorgehen studieren. Vor allem in den Nachtszenen schuf er so alle Zwischentöne von Tiefdunkelschwarz bis hin zu grellem Weiß, das er gern als Lichteffekte etwa von Lampen oder hellen Fenstern im Dunkel der Nacht einsetzte.

Mithilfe der Ätzradierung gelangen ihm faszinierende Bilder von Wolkenbrüchen in der freien Natur. Wie Schwaden ziehen sich da die Wassermassen über die Landschaft. Und die Landschaft hatte es ihm vor allem angetan, erst die in seiner Heimat am Niederrhein, dann die der Schwäbischen Alb.

Abend am Neckar, 1922, Mezzotinto. Kunstmuseum Albstadt, Felix Hollenberg-Archiv Foto: Lengerer,Albstadt

Meist porträtierte er sie von einem etwas erhöhten Blickpunkt aus; das ermöglichte es ihm, die Linienstrukturen der Landschaft, wie sie etwa ein mäandernder Flusslauf hervorbringt, mit der Flächenstruktur der Wiesen und Felder zu verbinden. Das ist technisch faszinierend zu verfolgen, und Hollenberg war geradezu ein Fanatiker der Druckperfektion. Jedem seiner Blätter gab er eine Note in Form von maximal fünf Sternen, mit der er seine Zufriedenheit mit dem Druckergebnis ausdrückte. Er wusste genau, welches Papier welche Ausdrucksmöglichkeiten zuließ. Man kann solche Unterschiede in einer Vitrine anhand mehrerer Drucke auf unterschiedlichen Papieren nachvollziehen.

Landschaft war für ihn allerdings nicht nur ein Motiv, sie war ihm Herzensangelegenheit. Die Veränderung von Landschaft durch Technik und Industrialisierung war ihm ein Gräuel. Man sucht auf seinen Bildern vergebens Eisenbahnschienen oder Stromleitungen. Er eliminierte sie einfach. Er war gewissermaßen ein Landschaftsschützer aus ästhetischen Motiven heraus. Wenn er einmal einen Industriebau wie eine Bohrhütte porträtierte, dann erscheint das Bauwerk weniger als Beispiel für Schwerindustrie, vielmehr als Gebäude in einer fast schon romantisch anmutenden Atmosphäre.

Diese Liebe zur reinen Natur zeigt sich vor allem in seiner Begeisterung für Wolken. Mit dem Fotoapparat hielt er sie fest, auf seinen Radierungen fand er immer wieder neue perfekte technische Ausdrucksmöglichkeiten, um dem luftigen und doch undurchdringlichen Gewölk Struktur, Festigkeit und zugleich ätherische Luftigkeit zu verleihen. Als „Wolkenfänger“ bezeichnet Veronika Mertens ihn zu Recht im Begleitbuch, das den ganzen Hollenberg vorstellt – den Menschen, den Landschaftsliebhaber und natürlich den Künstler, der aus Liebe zur Radierung ein genuiner Radierer wurde, ein Meister seines Faches, eben ein „Malerradierer“ erster Güte.

Geograph und Wolkenfänger. Felix Hollenberg (1868-1945). Maler-Radierer zwischen Niederrhein und Schwäbischer Alb“, Kunstmuseum der Stadt Albstadt bis 28. 4. 2019. Katalog 267 Seiten, 29 Euro

Ein Gedanke zu „Meister der Schattierung: Der Radierer Felix Hollenberg

  1. Godewin Ortler

    Herzlichen Dank (wieder einmal) für die wunderbare Besprechung. Man wird sich wohl auf den Weg machen müssen nach Albstadt …

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