Georgianer ohne George. Ulrich Raulff beschreibt den George-Kreis ohne seinen Meister

Dass große Dichter eine Schar von Jüngern, Verehrern, Epigonen um sich versammeln, versteht sich fast von selbst. Manche dieser Jünger frönen ihrer Begeisterung im Stillen, aus der Distanz, andere suchen die Nähe zum Idol, wie etwa all jene Weimar-Pilger, die dem großen Geheimrat von Goethe ihre Aufwartung machen wollten. Und dann gibt es noch jene Dichter, die ganz bewusst einen Kreis von Adepten um sich scharen. Ein Meister in der Kunst, sich mit einer Corona zu umgeben, war Stefan George, der sich in jeder Beziehung zum Dichtergott stilisierte. Thomas Karlauf hat in einer großen Studie dieses Charisma biographisch herausgearbeitet. Ulrich Raulff hat sich diesem Phänomen auf eine ganz andere Weise genähert. Er zeichnet gewissermaßen das Nachleben dieses Dichters nach: Was passiert, wenn der Mittelpunkt eines solchen Schülerzirkels plötzlich nicht mehr da ist. Wenn der „Kreis ohne Meister“ ist.

raulff

Es hätte ein ganz normaler Tod eines großen Dichters sein können an jenem 4. Dezember des Jahres 1933. Stefan George ist tot, die Fangemeinde trauert, die Zeitungen veröffentlichen Nachrufe, die Regierung richtet ihm möglicherweise sogar eine Gedächtnisfeier aus. Doch seit einigen Monaten haben die Nazis die Macht in Deutschland inne. Die hätten sich nur zu gern mit dem Namen des gefeierten Dichters geschmückt, der aber hatte sich ihnen verweigert. Dabei waren die Nazis eine Zeitlang durchaus der Meinung, er sei einer von ihnen, schließlich hatte George ein Gedicht mit dem Titel „Geheimes Deutschland“ geschrieben und fünf Jahre vor der Machtübernahme der Nazis ein Buch mit dem Titel „Das Neue Reich“ veröffentlicht. So sahen die Nazis in George einen Mann aus ihrem Geist, Goebbels wollte ihn als Präsidenten der neuen Akademie für Dichtkunst, doch George hatte abgelehnt, denn er hatte dieses Reich rein geistig verstanden. So war er denn auch demonstrativ der von der Partei groß inszenierten Feier zu seinem 65. Geburtstag fern geblieben, das war am 12. Juli gewesen. Als er nun sechs Monate danach starb, beschränkte sich die Trauer auf den Kreis der Verehrer, der freilich war groß, seine Mitglieder waren illustre Geister – die nun vaterlos geworden waren, denn George war ihnen Alpha und Omega, ihr Ein und Alles.

Raulff beschreibt plastisch und anschaulich, wie die Jünger George zuliebe alles opferten – Freundschaften, ja sogar Ehen.

Charismatische und eheliche Gemeinschaft stehen in einem gleichsam natürlichen Spannungsverhältnis zueinander: zwei Ökonomien der Zuwendung, der Verantwortung, des Gehorsams und der Pflichten, die zwangsläufig miteinander in Konkurrenz treten müssen, wenn sie auf ein und dasselbe Individuum Anspruch erheben. Auf diese Erfahrung hat der George-Kreis kein Patent; auch Jesus von Nazareth ließ, als er seine Jünger berief, die verheirateten Männer lieber daheim bei Frauen und Kindern.“

Wenn ein solcher Mann stirbt, bricht für seine Entourage eine Welt zusammen, denn diese Welt bezog ihren Zusammenhalt nicht nur durch seine Dichtung, sondern – Goethe vergleichbar – ebenso durch seine Präsenz. Das aber bedeutete für die Jünger nichts anderes, als dass dieser Mann nicht sterben durfte. Er musste weiterleben – im Gedächtnis seiner Verehrer, für die Nachwelt! Bei jedem anderen Dichter wäre daraus eine traditionelle Rezeptionsgeschichte geworden, nicht aber bei George und bei Raulff. Raulff schildert, wie ein Kosmos in die Krise geriet – und als Kosmos weiter bestand, und das Jahre, ja Jahrzehnte nach seinem Tod. Er zeigt aber auch, wie sich dieser Kosmos dabei veränderte, denn bei jedem anderen Dichter hätten die Anhänger zwar jeder für sich unterschiedliche Ansichten und Interpretationen der Werke entwickelt, aber doch innerhalb eines gewissen Rahmens. Bei George aber driftet der legendäre Kreis bereits unmittelbar nach dem Tod des Meisters auseinander. Animositäten brechen auf, die bis dahin im Schatten des Meisters unterdrückt worden waren.

Es sind beeindruckende Persönlichkeiten: der Historiker Ernst Kantorowicz, der Literaturwissenschaftler Friedrich Gundolf, der Wirtschaftswissenschaftler Edgar Salin. Auch nach 1945 saßen sie zum Teil auf bedeutenden Universitätslehrstühlen und trugen Georges Grundgedanken weiter. Anschaulich verfolgt Raulff diese Wirkungsströme und macht deutlich, wie sehr die geistige Debatte im Nachkriegsdeutschland bis in die 60er Jahre hinein georgianisch geprägt war. Noch eine Gräfin Döhnhoff setzte erfolgreich die Hypothese in die ZEIT, der Widerstand des 20. Juli sei wesentlich durch George bestimmt worden. Solche Nachwirkungen haben selbst etwas genuin Georgianisches an sich, der Raulff zufolge ein „Dezisionist der Ambiguität“ war, fest entschlossen, „alle seine Äußerungen in der Schwebe zu lassen“.

Die Folge davon war, dass jeder dieser Schüler ein eigenes Georgebild in die Welt setzte. Folgt man diesen Verästelungen, so erhält man einen ganz neuen Blick auf die geistige Geschichte des 20. Jahrhunderts; Raulffs Buch ist nichts weniger als eine solche Geschichte geworden, und sie liest sich spannend wie ein Krimi, denn Raulff schreibt keine rein wissenschaftliche Abhandlung, Raulff ist ein begnadeter Erzähler. Immer wieder wird der Leser in die jeweiligen Situationen versetzt, man meint sogar bisweilen, die Akteure vor sich zu sehen.

An einem Märztag des Jahres 1943 unterhalten sich in Oberlin im Bundesstaat Ohio zwei deutsche Emigranten. Der Jüngere der beiden, der Literaturwissenschaftler Werner Vordtriede, lebt und lehrt seit einigen Jahren in Amerika. … Im Gespräch kommen die beiden Emigranten einander näher. Vordtriede hilft dem Älteren beim Packen und staunt über dessen ständige Begleiter.“

Denn sein Gesprächspartner, Hubertus Friedrich Prinz zu Löwenstein, reist mit Kruzifix, Buddha, Silberbechern und George-Schriften durch den Mittelwesten Amerikas. Und damit ist der Weg bereitet zu einem Exkurs über diesen Adligen, der natürlich einer von Georges Jüngern war. So wird Vergangenheit erlebbar, und das ist eine ideale Darstellungsform bei einem Dichter, dessen Nachleben fast noch schillernder war als sein ohnehin schon schillerndes Leben.

Ulrich Raulff. Kreis ohne Meister. Stefan Georges Nachleben. C.H. Beck Verlag. München 2009. 496 Seiten, 29.90 Euro

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