In einer anderen Welt? Finnische Kunst von heute

Bei Finnland denkt man an das Land der 1000 Seen, an Einsamkeit, an die Musik eines Jean Sibelius. Bei Kunst fällt einem der Designer Alvar Aaalto ein, doch ansonsten ist finnische Kunst bei uns unbekannt, sieht man einmal von der Fotografie ab. Jetzt zeigt die Städtische Galerie in Bietigheim anhand von acht Künstlern Gegenwartskunst aus Finnland. „In Other Worlds“ heißt die Schau – bei der man allerdings darauf achten sollte, nicht allzu vorschnell zu interpretieren.

Es wäre unsinnig, wollte man in dieser Ausstellung so etwas wie typisch finnische Kunst erwarten. Die gibt es ebenso wenig wie typisch deutsche oder typisch amerikanische Kunst. Lauri Astala zeigt in einem Video einen Mann, der nach langer Zeit in sein Elternhaus zurückkehrt. Es geht um hochaktuelle und philosophische Fragen, die alles andere als typisch finnisch sind – um Heimatlosigkeit, Verlust, vor allem um idie Frage nach der Realität: Im Zimmer hängt ein alter Wandspiegel, und in diesem sieht sich unversehens der Besucher der Ausstellung, der, während er Astalas Film betrachtet, mit einer Kamera gefilmt und in den Film integriert wird. Was ist real, was virtuell?

Dennoch stößt man in der Ausstellung immer wieder auf Aspekte, bei denen man meint, Landestypisches erkennen zu können. Ungewöhnlich viele Künstler haben sich mit Natur auseinandergesetzt.

 

Kaarina Kaikonnen hat aus lang herunterhängenden Herrenhemden eine Installation geschaffen mit dem Titel: „Als Birke betrachte ich die Welt gelassen“; die Birke hat in Finnland ähnliche Symbolkraft wie in Deutschland die Eiche. Ari Saarto fotografierte Obdachlosenbehausungen – Zelte, Bretterbuden – in Parks, nicht in Slums, und das auf eine Weise, dass die Fotos wie Gemälde aus dem 19. Jahrhundert wirken. Andererseits – und das realitiviert wieder das angeblich „Finnische“ seiner Arbeiten – fotografierte er Obdachlosenbehausungen auch in Japan, dort inmitten der Großstadt.

Ilkka Halso montiert auf Fotos Naturstücke – Wiesen, Waldszenen – in einer riesigen Lagerhalle: Natur in einem denaturierten Umfeld – das könnte Verschiedenes bedeuten, eine Halle, in der Natur zum Ausverkauf bereit gestellt ist, es könnte aber auch ein Forschungsinstitut sein, in dem die Natur aufbewahrt wird: Eine Welt, die in der Zukunft spielt, die aber gar nicht so weit entfernt ist.

Natur kann auch poetisch oder traumhaft wirken. Anna Tuori hat dicke geschwungene Pinselstriche auf die Leinwand gebracht. Doch dann entdeckt man in dieser abstrakten Malerei Elemente aus unserer Welt – eine Hand, einen Baum -, manchmal auch Elemente aus einer Märchenwelt: einen kopflosen Reiter. Das sind wahrhaft Bilder von anderen Welten, die der Ausstellungstitel verheißt. Da ist man nicht weit von der skandinavischen Märchen- und Sagenwelt entfernt, in die sich nicht selten düstere Bilder mischen. Die Trolle in der nordischen Mythologie sind ja auch keineswegs nur gute Geister.

 

Bei Susanna Majuri schweben Frauengestalten in einer Fantasiewelt über die Bildflächen. Bei ihr spielt immer Wasser eine zentrale Rolle, in ihrer ganzen Arbeit porträtiert sie immer Menschen im Zusammenhang mit dem Meer, was wiederum auf Finnland verweist, dem Land der tausend Seen, was in Wirklichkeit eine starke Untertreibung ist: Es sind 188.000 Seen.

Aber, wie gesagt, man sollte vorsichtig sein, die Ausstellung allzu rasch mit Klischees im Hinterkopf zu betrachten. Und doch ist auch das nicht ganz falsch, sogar bei dem Video von Lauri Astala: dessen Interieur und Atmosphäre erinnern sehr an die Filme von Ingmar Bergmann. Und Astala betont auch, dass noch vor kurzem finnische Künstler mehr oder weniger unter sich waren. Noch vor dreißig Jahren sei Schweden der entfernteste Ort gewesen, an dem ein finnischer Künstler habe ausgestellt werden können. Das freilich hat sich geändert – der finnische Künstler und die finnische Kunst von heute sind international vernetzt.

In Other Worlds. Gegenwartskunst aus Finnland. Städtische Galerie Bietigheim-Bissingen, Hauptstraße 60-64 74321 Bietigheim-Bissingen bis 10.1.2016 Dienstag, Mittwoch, Freitag 14-18 Uhr, Donnerstag 14-20 Uhr, Samstag, Sonntag 11-18 Uhr

Horst Simschek und ich haben in YouTube zu dieser Ausstellung einen Film eingestellt

https://www.youtube.com/watch?v=jBanLL2lq7Y

Ein Gedanke zu „In einer anderen Welt? Finnische Kunst von heute

  1. Tarja

    Hallo Rainer Zerbst,

    als finnland-begeisterter Mensch habe ich den Artikel mit großem Interesse gelesen. Auch wenn die Ausstellung längst rum ist, bin ich froh, diesen Blog im Netz gefunden zu haben!
    Schönen Tag, Tarja

    Antworten

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