Grenzgänger zwischen Kunst und Alltag. Christian Marclay in der Staatsgalerie Stuttgart

So mancher DJ von heute müsste dem Amerikaner Christian Marclay auf Knien danken, denn er soll das wesentliche Ausdrucksmittel des HipHop erfunden haben – den Turntablism. Dabei wird der Klang entweder durch Kratzen auf Schallplatten erzeugt oder durch das rhythmische Gegeneinanderdrehen zweier Schallplatten. Marclay kam um 1980 auf die Idee, weil er nach eigenem Bekunden Musik machen wollte, ohne ein Instrument zu beherrschen. Also machte er den Schallplattenapparat zum Instrument, manipulierte die Platten, zerschnitt sie und klebte sie wieder falsch zusammen. Später integrierte er solche Klänge und Objekte in Videofilme. Was inzwischen aus diesen Anfängen entstanden ist, zeigt jetzt die Staatsgalerie Stuttgart in einer kleinen Ausstellung. Im Mittelpunkt steht dabei Marclays Arbeit „Shake Rattle and Roll“ aus dem Jahr 2004.

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Christian Marclay, Shake Rattle and Roll, Installationsansicht Staatsgalerie Stutgart 2004 © Christian Marclay. Courtesy Paula Cooper Gallery New York. Foto: Tweaklab

Man könnte der Meinung sein, einen Lehrfilm aus einem chemischen Labor anzuschauen. In Großaufnahme sieht man da zwei mit weißen Gummihandschuhen versehene Hände, die kleinen Holzkästchen Objekte entnehmen, vorzeigen, in Bewegung versetzen und wieder zurückstecken.

 

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Christian Marclay, Shake Rattle and Roll, 2004 © Christian Marclay. Courtesy Paula Cooper Gallery New York. Foto: Tweaklab

Die Hände gehören Christian Marclay, die Holzkästchen stammen von Künstlern der Fluxusbewegung wie Nam June Paik, Yoko Ono oder Joseph Beuys.

Fluxus-Künstler wandten sich gegen den bis in die 60er Jahre herrschenden elitären Kunstbegriff. Mit Happenings und Objekten aus der Alltagswelt wollten sie die Grenze zwischen Kunst und Leben niederreißen. Meist gaben sie ihren in Kästchen aufbewahrten Objekten kleine, nicht immer ernst gemeinte Spielanregungen bei. Marclay nun macht aus diesen künstlerischen „Spielereien“ scheinbar Ernst, indem er sie wie ein Wissenschaftler oder vorsichtig zu Werk gehender Kunstkurator vor jeder Verunreinigung durch Fingerabdrücke zu bewahren versucht. Freilich auch das ist wiederum nur ein Spiel, denn Marclay will seinerseits die Grenzen zwischen Kunst und Leben aufheben. Seine Beschäftigung mit solchen Fluxus-Objekten hat er auf Videos festgehalten, die auf sechzehn in einem Kreis aufgestellten Monitoren flimmern. Da lässt er mal Kugeln in die Holzkästchen fallen und dabei tanzen, mal bringt er die Aufhängung eines Kleiderbügels in Drehung – das Resultat ist ein witziges Miniaturtheater und eine Kakophonie an Klängen.

Dass die Staatsgalerie jetzt Marclay mit drei seiner Arbeiten präsentiert, ist nur zu verständlich, schließlich betreut das Haus die bedeutendste Fluxus-Sammlung, das Archiv Sohm. Kein Wunder, dass sich Marclay begeistert mit dessen Beständen auseinandergesetzt hat. Das Resultat ist eine kleine von ihm ausgewählte Fluxusausstellung sowie eine neue Videoarbeit.

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Christian Marclay, Bildspiel, 2015 © Christian Marclay. Courtesy Paula Cooper Gallery New York. Foto: Tweaklab

 

Im Zentrum dieses Films steht eine Klangscheibe des Schweizers Dieter Rot: Eine runde Scheibe, auf der man eine Kugel durch Kippen der Scheibe dazu bringen kann, über die mit zahlreichen Löchern versehene Scheibe zu kullern.

Marclay hat diese Scheibe nun ins Bild gesetzt, im Bild durch Videoschnitt in zwei Hälften geteilt, wieder zusammengesetzt und so ein Spiel mit Kugel, Scheibe und Geräusch inszeniert.

Aus Anlass dieser Ausstellung zeigt auch das Kunstmuseum Stuttgart eine Arbeit Marclays aus seinen Beständen: „Video Quartet“. Auf einer Leinwand laufen zeitlich versetzt vier Videofilme ab, in denen Marclay über 700 Miniausschnitte aus Filmen und Dokumentationen collagiert hat. Auf einigen sieht man lediglich Geräusch erzeugende Gegenstände, auf anderen begegnen wir berühmten Schauspielern Hollywoods, auf wieder anderen spielen temperamentvoll klassische Musiker wie Arthur Rubinstein.

Zurück in der Staatsgalerie kann man sich – auch das eine Möglichkeit, Grenzen zwischen Kunst und Alltag aufzubrechen – auf einer eine Wand ausfüllenden Tafel mit Kreide selbst einbringen. Die schwarze Tafel enthält Notenlinien, in die so manche Besucher streng musikalisch Noten eingefügt haben, andere sich mit ihrem Namenszug verewigt, wieder andere Zeichnungen wie einen Blumenstrauß gestaltet haben. In vier Konzerten werden Musiker versuchen, die bis dahin entstandenen „Kompositionen“ zu realisieren. So wird der Alltag der Besucher wieder Kunst.

Christian Marclay – Shake Rattle and Roll“. Staatsgalerie Stuttgart bis 20.3.2016.Christian Marclay – Video Quartet“. Kunstmuseum Stuttgart bis 17.1.2016

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