Hommage an das künstlerische Material: Felix Schlenker zum 100. Geburtstag

Spurensicherung nannte man in den 70er Jahren eine Form der Konzeptkunst, bei der die Künstler wie Archäologen oder Soziologen vorgingen. So arbeitete Christian Boltanski – bezeichnenderweise Bruder eines Soziologen – in Installationen seine Kindheit mithilfe von Erinnerungsstücken auf, Nikolaus Lang sammelte Hunderte von Gegenständen eine bayrischen Familie. Aber schon Jahrzehnte davor hatte ein Künstler in Villingen-Schwenningen (damals noch Schwenningen) eine Spurensuche künstlerischer Art entwickelt: Felix Schlenker, zu dessen 100. Geburtstag die Städtische Galerie in seiner Heimatstadt eine Ausstellung zeigt.

ohne titel, 1960 © VG Bild-Kunst, Bonn, 2020

Drahtnetze, Nägel, Schrauben, abgebrochene Holzbretter – was Felix Schlenker in den 50er Jahren auf Holzplatten fixierte, wirkt wie ein Sammelsurium aus einem Schrottplatz – und die Assoziation ist nicht falsch. In den 50er Jahren zog er mit dem Leiterwagen durch seine Heimatstadt Schwenningen und sammelte, was die Kriegsbomben von den alten Häusern übrig gelassen hatten oder was er noch vor der Abrisswut des Baubooms in der Nachkriegszeit retten konnte. Was daraus entstand, sind auf den ersten Blick wirr wirkende Zusammenstellungen, bei genauerem Hinsehen aber in sich rhythmische Kompositionen. Upcycling würde man das heute nennen, für Schlenker war es eine Rettung des Alten, vom Wegwerfen Bedrohten. Die Fundstücke waren für ihn, wie er einmal schrieb, „Zeichen für Da-Sein“, für „Bleibendes und Vergängliches.“ Es sind Symbole des Alten, gerettet für die Nachwelt, veredelt durch die künstlerisch ordnende Hand.

Schlenker war Autodidakt, holte sich erste Kunstkenntnisse aus Fachzeitschriften, und hatte, wie frühe Arbeiten zeigen, ein großes Vorbild: Paul Klee. Doch was Klee mit Pinsel und Farbe auf der Leinwand komponierte, machte Schlenker aus einem Materialmix. Der Farbe mischte er Sand oder Späne bei, sodass sie wie dicke Gesteinsschichten auf dem Bild wirkten.

Und er blieb Zeit seines Lebens dem Materialbild treu, nur dass die erkennbaren Relikte alter Häuser immer mehr verschwanden. Schlenkers spätere Bilder sind immer noch vom Material geprägt, aber sie wirken nun wie Ergebnisse vulkanischer Eruptionen, geronnenes Magma.

Terra Incognita. 1960 © VG Bild-Kunst, Bonn, 2020

Kein Wunder, dass er da gelegentlich auf Titel wie Terra Incognita kam. Die Assoziationen zur menschlichen Bautätigkeit verschwanden aus den Arbeiten, die Assoziation zu Erdgewalten trat an ihre Stelle.

Immer wieder wandte er sich aber auch den Baumaterialien zu, ordnete sie allerdings zunehmend exakter an. Seine Bilder wurden ruhiger, die Komposition folgte immer stärker geometrischen Gesetzen. So war es nur konsequent, dass er schließlich bei der konstruktivistischen Kunst anlangte, einer Kunst, deren Resultate zu Meditation anregen, oder, wie er selbst schrieb: zur „Abkehr … gegen den Lärm“. So schuf er in späteren Jahren denn auch immer häufiger quadratische Arbeiten, die schon von der äußeren Form her in sich geschlossen wirken, unaufgeregt, in sich ruhend. Die Bildflächen aber blieben unruhig, bewegt, vibrierend. So arbeitete er eine Zeitlang mit Hufnägeln, allerdings nicht mehr gebrauchten, sondern nagelneuen, die er in Reih und Glied in Hartfaserplatten schlug, sodass sich exakte Reihen und Muster ergaben, die manchmal wirken wie Reißverschlüsse. Ein solches Bild fängt im Auge des Betrachters zu flimmern an.

 

Meditation, 1977 © VG Bild-Kunst, Bonn, 2020

Das gilt auch für die späten Arbeiten, die auf den ersten Blick aus ganz glatten Lackflächen zu bestehen scheinen, aber eben nur scheinen. Auch hier blieb seine Leidenschaft für das Material seiner Bilder erhalten. Der Lack ist unruhig aufgetragen, er bildet deutliche Spuren. Manchmal durchbrach Schlenker auch die glatte Fläche seiner Bilder, ordnete aus Holz gesägte Gebilde so auf den Bildträgern an, dass sie sachte in den Raum ragen, die Bildfläche also in die dritte Dimension erweitert wurde. Das alles aber streng geometrisch geordnet. Oft unterteilte er seine Bildflächen in exakt gleiche Segmente. So entstehen zu den in sich bewegten Bildoberflächen Elemente der Ruhe und Transzendenz.

So mag es wie ein weiter Weg wirken, den Schlenker von den Relikten alter Häuser zur geometrischen Kunst zurückgelegt hat, aber letztlich fügt sich alles zu einer in sich geschlossenen Kunst, die ihren Anfängen treu blieb, sie zugleich aber in ganz neue Dimensionen überführte.

Material und Farbe – Felix Schlenker zum 100. Geburtstag“. Städtische Galerie Villingen-Schwenningen bis 1. März 2020

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