Ein Umweltproblem als Kulturgut betrachtet: Die Plastiktüte

Plastik ist ein nützliches Material: leicht, variabel einsetzbar, haltbar – aber auch ein Problem. Allein mit den in einem Jahr weltweit benutzten Plastiktüten könnte man die Erde 10.000 mal umwickeln, und ein Großteil davon landet unter anderem im Meer und in den Fischmägen. Grund für die Bundesregierung, zumindest die Plastiktragetaschen verbieten zu wollen, ein Gesetz ist in Vorbereitung. Das Landesmuseum Stuttgart startet jetzt schon eine Art Nachruf: Adieu Plastiktüte heißt eine Ausstellung in der Dependance des Hauses in Waldenbuch, dem Museum der Alltagskultur. Anlass: Zwei gigantische Privatsammlungen solcher Produkte, die dem Museum zur Verfügung gestellt wurden.

Einkaufstüte: „Aldi Nord“ 1970er Jahre. Entwurf von Günter Fruhtrunk

Die rund fünfzigtausend Plastiktüten ruhen im großen Ausstellungssaal in großen Plastikcontainern, einige davon, Dubletten, auch auf Tischen zum Anfassen durch die Besucher, schließlich ist eine Plastiktüte zum Tragen da. Das Konvolut ist ein immenser Schatz für ein Museum, das sich dem Alltag der Menschen widmet, aber für die Kuratoren auch ein Problem. Diese Menge gilt es zu konservieren, vor allem aber zu erfassen, und das heißt: zu kategorisieren. Doch für die Plastiktüte gibt es dafür noch keine wissenschaftliche Vorarbeit.

An einer Wand hängen Highlights, denn für die heute so geschmähte Plastiktüte haben sich große Künstler engagiert: Günter Fruhtrunk schuf das inzwischen legendäre Design für die Handelskette Aldi Nord – werbewirksam und signalhaft, ein graphisches Symbol für Aufschwung. Das Kaufhaus Breuninger bediente sich eines Gemäldes von Josef Albers, dessen ineinander verschachtelte Quadrate wie eine Aufforderung an den Käufer gedeutet werden können, zum Zentrum des Einkaufsgenusses vorzudringen, dem Kaufhaus. Aber auch unbekannte Grafiker haben grandiose Designs entworfen. So bildete die Plastiktüte, mit der ein Konzern für seinen Kassettenrecorder warb, das Produkt gewissermaßen selbst ab. Fasst man die Plastiktüte am vorgesehenen Griff, dann sieht es aus, als trage man das Gerät in der Hand.

Einkaufstüte: „Barth. Radio-Musik-Haus. Stuttgart“ 1970er Jahre

Ähnlich ingeniös das Design für das einstige Stuttgarter Radio- und Schallplattengeschäft Barth. Die Graphik kombiniert alle Elemente einer Schallplatte und ihres Abspielens vom Loch in der Mitte über die stilisierten Rillen bis zum Schalltrichter eines alten Grammophons nebst Tastatur eines Klaviers. Selbst Umweltverbände warben mit der Plastiktüte, wie etwa der World Wide Fund for Nature.

Einkaufstüte: „Tengelmann / Natur in Gefahr“ 1970er Jahre

 

Auf der Rückseite einer von der Handelsgruppe Tengelmann vertriebenen Tüte sehen wir dicke graue Schwaden, die zur Luftverschmutzung beitragen, dreckige Abwässer, die sich in Flüsse ergießen, und darüber ein Loblied auf die Plastiktüte, denn sie sei umweltfreundlich, weil gefahrlos vernichtbar. Das war in den 80er Jahren, heute denkt man da anders. Wie so viele Kulturgüter veraltet eben auch eine solche Tüte. Aus der einst so gepriesenen Tragetasche ist ein Buhmann geworden. Ausgerechnet ihre einst so geschätzte Langlebigkeit wurde ihr zum Verhängnis.

Für ein kulturgeschichtliches Institut wie das Landesmuseum, dem diese Privatsammlungen überlassen wurden, ist die Tüte freilich wertvoll, nicht nur in ästhetisch-designerischer Hinsicht, sondern auch als soziologische Quelle, denn wer in der Öffentlichkeit eine solche Tüte trug, gab Auskunft über sich selbst. Wer in teuren Geschäften einkaufte, signalisierte mit einer Tüte dieser Läden, was er sich leisten konnte. Die Plastiktüte verrät somit einiges über den sozialen Status des Trägers. Zugleich ist die Tüte ein Werbeträger, denn vieltausendmal wird meist ein Logo durch die Straßen getragen. So ist denn eine Abteilung der momentan hängenden Auswahl dem Kapitel „Logo“ gewidmet, denn Frank Lang, der Kurator der Ausstellung, hat sich entschlossen, aufgrund der riesigen Materialbasis alle sechs Wochen eine neue Auswahl zu präsentieren. So können die Besucher, sofern sie die Ausstellung mehrfach besuchen, an seiner Forschungsarbeit teilhaben, denn durch diese ständige Auseinandersetzung mit dem Konvolut entwickelte und entwickelt Lang Kategorien zur Ordnung der Exemplare. Das können Farben sein wie Blau oder Orange, das können formale Kriterien sein wie rund oder gestreift, das können Logos sein wie das der Zeitschrift Stern, des Langenscheidt-Verlags oder der Firma Nike, und es können thematische Kriterien sein wie Reiseziele oder Sportereignisse. Letztere sind für den Forscher besonders wichtig, denn durch die punktuellen Ereignissen gewidmeten Exemplare lässt sich das Herstellungsdatum der Tüten ermitteln, was bei anderen oft unmöglich ist. So stellt die Plastiktüte, das Massenprodukt schlechthin, den Forscher vor singuläre neue Aufgaben und Probleme – neben der Kategorienbildung etwa die Frage der Konservierung. Die Haltbarkeit steht außer Frage, doch durch die farbigen Aufdrucke neigen die Tüten dazu zu verkleben. Für die museale Aufbewahrung müssen sie durch neutrale Kunststoffbahnen voneinander getrennt werden.

Die Ausstellung markiert das Ende der Plastiktüte und verweist in einer Nische auch auf die Umweltproblematik. Ob die Umweltverschmutzung durch ein Verbot dieser Tragetaschen allerdings gravierend verringert werden kann, ist fraglich, im Jahr 2018 entfielen auf jeden Bundesbürger gerade einmal vierundzwanzig Tüten. Die Weltmeere dürften weit schlimmer durch andere Plastikprodukte gefährdet sein. Ein Verbot mag ein Beitrag sein, ist aber, das zeigt die Ausstellung auch, zugleich ein Verlust in ästhetischer und soziologischer Hinsicht, denn viele dieser Tüten waren letztlich auch Kulturträger, die zudem viel aussagen über die Firmen, die sie in Auftrag gaben, und die Kunden, die sie benutzten.

Adieu Plastiktüte!“, Museum der Alltagskultur, Waldenbuch, bis 3.7.2020

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