Malerische Welten: Neue Bilder von Anna Bittersohl in der Galerie Schlichtenmaier

Jedes Kunstwerk, ob Graphik oder Gemälde, ist ein Artefakt. Mag es noch so sehr wie ein perfektes Abbild der Realität wirken, zum Beispiel das Rasenstück von Albrecht Dürer – es besteht doch nur aus ein paar Linien und Farbflecken und ist insofern letztlich ein abstraktes Gebilde. Genau dieses perfekte Changieren zwischen Realitätsnähe und künstlichem Gebilde macht das Wesen der Bilder der Malerin Anna Bittersohl aus.

Es gibt Bildtitel, die enthalten einen Schlüssel zu einer ganzen Ausstellung. Im Fall von Anna Bittersohls Ausstellung in der Galerie Schlichtenmaier lautet er: maybe it’s the sparrows. Tatsächlich meint man, wenn man diesen Titel liest, in dem dazugehörigen Bild eine Ansammlung kleiner Vögel zu erkennen, vielleicht sogar Details wie die spitzen Schnäbelchen, die die Jungen den Eltern entgegenstrecken, um den ersehnten Happen zu ergattern. Und doch ist das, was wie ein lebendiges Spatzengewimmel wirkt, nichts als ein Farbgewölk grau in grau.

Entscheidend an diesem Titel ist das „maybe“, das „vielleicht“. Genau das macht die Malerei dieser Künstlerin aus: Es ist nichts konkret, nichts richtig fassbar, und doch meint man, etwas zu ahnen. Ihre Bildtitel sind offen, rätselhaft, und bleiben auch meist im Ungefähren: irgendwo da hinten, von oben gesehen geradeaus. Aber gerade in diesen Titeln liegt ein Hinweis für den Betrachter, was er mit seinen Augen tun soll: nachspüren, was in den Blick fällt. Bei diesen Bildern ist der Betrachter nie fertig. Immer wieder eröffnen sich neue Hintergründe, die von durchscheinend wirkenden Farbschichten zugedeckt zu werden drohen und doch wieder neue Aspekte eröffnen. Wenn man vor einem dieser oft gar nicht sonderlich großformatigen Bilder steht, meint man, sich auf einer nicht enden wollenden Wanderung zu befinden, einer Wanderung in fremde Welten, die nicht von dieser sind und doch irgendwie mit dieser uns vertrauten verwandt scheinen.

Das liegt nicht zuletzt daran, dass Anna Bittersohl mit ihren Farbkompositionen erst Wege eröffnet, dann Hindernisse aufbaut, die es zu überwinden, meist zu durchdringen gilt. Das sind keine Darstellungen, es sind letztlich Anleitungen zum entdeckenden Schauen.

Dabei geht es in diesen Bildern um Grundsätzliches. Um Nähe und Ferne zum Beispiel, um Fläche und Tiefe. Der Blick bleibt an fast ruppig hingetupften Farbflecken hängen, um sich dann in ungeahnte Tiefen zu verlieren. Und dabei meint man oft, in der uns vertrauten Welt gelandet zu sein. Brennglas heißt ein Bild; in der Mitte befindet sich ein goldgleißender Fleck. Das könnte eine Flamme sein, es könnte aber auch ein Blick in eine von einer heißen Flamme freigelegte Tiefe sein.

Nichts an dieser Malerei scheint definiert, alles ist im Fluss – und doch werden immer wieder Richtungen angedeutet, wohin die optische Reise zu gehen hat. den Zerfall leise betrachten heißt ein Bild – das könnte eine Auseinandersetzung mit der Umweltzerstörung sein, es ist aber auch zugleich als Hinweis auf das zu sehen, was hier rein malerisch geschieht: eine Auflösung einer Bildwelt in reine Malerei.

Anna Bittersohls neue Bilder sind angesiedelt in einer Zwischenwelt: auf der einen Seite Andeutungen an das uns Bekannte, auf der anderen Verweigerung all dessen, was wir zu erkennen meinen. Es ist reine Malerei und zugleich der Entwurf von Welten.

Nichts ist, was es scheint. Gewissheiten, die sich im ersten Moment einstellen, werden zurückgenommen. es schimmelt nicht, es ist nur Winter heißt ein in Weiß- und Grautönen gehaltenes Bild.

Noch vor wenigen Jahren tauchten auf Anna Bittersohls Bildern ungleich mehr Anspielungen an die Welt, wie wir sie kennen, auf – Menschen, Tiere -, die sie dann mit ihrer Malerei immer mehr zurücknahm. Jetzt scheint sie beim Malen nur noch von Erinnerungen an eine solche Welt getrieben zu sein. So liefern diese Bilder genau genommen den idealen Leitfaden zur perfekten Bildbetrachtung: Der Blick wird von jedem Detail in Bann gezogen, jeder Farbfleck wird in seiner Wertigkeit registriert und reflektiert, und doch wird man beim Betrachten angeregt, von all diesen Details stets Assoziationen zum ganzen Bild zu ziehen. Das kann der Blick auf reine Malerei sein, auf Farbprozesse, in denen man aber doch immer wieder Assoziationen an die vertraute Welt zu erkennen glaubt – Blicke in tiefe, geheimnisvolle Höhlen im Erdinneren zum Beispiel oder eben in ein Spatzennest.

Anna Bittersohl / tiny are the walls and flat is the roof“, Galerie Schlichtenmaier, Stuttgart, bis 7.1.2023

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