Mit Hieronymus Bosch in die Gegenwart: Heinz Zanders vielschichtige Bildwelten

Er war für damalige Verhältnisse ein Weltstar, und kein Geringerer als König Philipp II. von Spanien war sein großer Bewunderer, weshalb in Spanien die meisten seiner Gemälde zu finden sind: Hieronymus Bosch. Bis heute geben seine Bildwelten Anlass zum Rätselraten, nicht nur wegen der zuweilen skurrilen Fabelwesen aus dem Tierreich. Und nicht nur Exegeten faszinierte er, auch spätere Malerkollegen. Unter ihnen sicher Heinz Zander, einer der Hauptvertreter der Leipziger Schule. Die Städtische Galerie Villingen-Schwenningen widmet ihm eine große Ausstellung, deren Titel bereits auf die Bosch-Begeisterung des Malers schließen lässt: Schönheiten und Ungeheuer.

Posaunenkonzert am Strand von Kanoniers Island, 2013, Ausschnitt © VG Bild-Kunst Bonn, 2019 Foto: Horst Simschek

Man könnte sich im Garten der Lüste von Hieronymus Bosch wähnen. Es wimmelt nur so von skurrilen Tieren, meist aus dem Reich der Insekten: wulstige Mäuler finden sich da, garnelenartige Zauberwesen, halb dem Zoologielehrbuch entnommen, halb der reinen Fantasie. Heinz Zander erweist dem von ihm verehrten Bosch immer wieder die Ehre, indem er ihn nicht etwa kopiert, sondern neu erfindet.

Doch während es bei Bosch in der Regel bei den gruseligen Tierfiguren bleibt oder bei Menschen, die gequält und gefoltert werden, befindet sich bei Zander dieses Bestiarium in einer Welt der Erotik, nicht selten der lasziven Lustbarkeit.

Heitere Belustigung im Hochgebirge, 2018 © VG Bild-Kunst Bonn, 2019 2019 Foto: Horst Simschek

Da räkelt sich eine leicht bekleidete Dame genüsslich im Gebirge, derweil sich ihr ein Lustgreis von unten her nähert und sie begrapscht, was die Dame nicht weiter zu stören scheint, im Gegenteil. Bei Zander mischen sich Fabelwesen à la Bosch mit der schwülen Atmosphäre der Fin de Siècle-Malerei eines Gustave Moreau. Daher finden sich auch immer wieder Schmuckstücke, kostbares Geschmeide. Man denkt an den gleißenden Reichtum von Aladins Räuberhöhle aus 1001 Nacht, und tatsächlich scheint auch diese Bildwelt Zander geprägt zu haben. Alles wirkt wie von Gold überzogen, ist in Bronzefarbe getaucht, und auf einem Bild schickt Sindbad per Brieftaube eine Nachricht an ein Schlossfräulein.

Aber auch diese Assoziation ist nur bedingt zutreffend. Zanders Bilder sind nie eindeutig, sondern verschmelzen die unterschiedlichsten Welten. So kann sich, was auf den ersten Blick wie fantasievoll gestaltetes Geschmeide aussieht, bei näherem Hinsehen als Fantasieinsekt entpuppen. Orchideenhafte Blüten mutieren zu ekligen Tierwesen und hinter der Erotik der Frauenfiguren, für die Zander übrigens vor seinem geistigen Auge beim Malen fast durchweg ein einziges Modell mit üppigen Lippen und großen Augen gehabt zu haben scheint, steckt auch ein Hauch von Sadismus. Man möchte keiner Figur im wirklichen Leben begegnen.

Vor allem mischt sich bei Zander die Sagenwelt samt ihren Grausamkeiten mit der Welt des Heiligen. So manche der Frauengestalten ist durch Blau- und Rottöne der Sphäre der Muttergottes zuzuordnen und ist doch zugleich auch der Welt einer Kleopatra oder Salome nicht fern.

Melancholie für Gartenarchitekten, 2001 © VG Bild-Kunst Bonn, 2019 2019 Foto: Horst Simschek

Seine Melancholia trägt einen Hut wie eine Heiligenschein, doch ist er hier rot, während ihr Kleid goldfarben ist – verkehrte Heiligenwelt. Im Arm trägt diese Doppelgängerin einer Maria nicht ein Kind, sondern eine Zikade, überlebensgroß. Ein Einhorn, gern mit der weiblichen Unschuld in Verbindung gebracht, legt ihr vertrauensvoll den Kopf in den Schoß, doch auf der anderen Seite wacht ein gefährlich aussehender Gnom über die Szene.

Nicht immer sind die Bilder derart vielschichtig. Manchmal kombinieren sie lediglich fantastisch anmutende Gebilde aus Tier- und Pflanzenreich, faszinierend gemalt. Zander ist ein Meister der Farbgestaltung und der feinen Linie, seine Bilder sind bisweilen eher Zeichnungen mit dem Pinsel als Gemälde der großen Fläche. Immer aber faszinieren sie durch ihre Kühnheit der Zwei- bis Mehrdeutigkeit. Selbst wenn er nur eine Walküre porträtiert, entdeckt man immer neue Details, so etwa, dass die Amazone ihr Pferd zu derartiger Geschwindigkeit antreibt, dass sich dessen Gliedmaßen schon vom Körper trennen und ein Eigenleben beginnen, als Fabelinsekten, versteht sich. Und auf seinem Bild zum Lied über den Mops, der in der Küche ein Ei stiehlt, scheint der Koch nur darauf gewartet zu haben. Ein sadistisch voller Vorfreude grinsendes Gesicht lässt vermuten, dass er das scharfe Messer im Arm nur zu einem einzigen Zweck gewetzt hat.

Heinz Zander. Schönheiten & Ungeheuer“, Städtische Galerie Villingen-Schwenningen bis 17.11.2019. Katalog 111 Seiten, 20 Euro

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