Konkretes Büro: lgnacio Uriarte im Kunstmuseum Reutlingen / Konkret

Linie, Farbe und Fläche, so meinte Theo van Doesburg 1930, sei das Konkreteste, das man sich optisch vorstellen könne, und es reiche auch aus: Die Konkrete Kunst war begründet, eine Kunst, deren Ausdrucksmittel dem Betrachter zwar bekannt sind, aber alles andere als vom Alltag her vertraut, denn diese Kunst verzichtet auf jegliche Abbildung einer gegenständlichen Welt, ihre Mittel sind reiner Zweck, der einer meist mathematisch begründeten Kunst dient. Entsprechend systematisch geht auch der Spanier lgnacio Uriarte vor, doch seine Ausdrucksmittel sind nicht geometrisch abstrakt, sondern entstammen dem vertrauten Lebensalltag, genauer, dem Alltag im Büro.

Still aus Papierballfall (2008) Foto: © S. Vogel

Wie oft macht man es nicht im Büro, jedenfalls wenn man dem Klischee Glauben schenken will. Ein Briefentwurf ist missglückt, man zerknüllt das Papier und wirft es, manchmal wie ein Basketballspieler, in einen Korb. lgnacio Uriarte hat das Tausende mal gemacht, ein Video zeigt, wie die Papierkugeln in einen Papierkorb fallen – und hat dann die kleinen Bällchen in einem großen Kreis auf dem Boden angeordnet. Damit hat er eine Alltagshandlung zum ästhetischen Gegenstand erhoben, denn aus dem Wegwerfprodukt ist ein Baustein zu einem Kunstwerk geworden. Damit nicht genug: Uriarte macht durch die tausendfache Wiederholung des Vorgangs deutlich, wie viel Zeit hinter der im Alltag bedeutungslos wirkenden Geste steckt.

Vor allem zeigt er, wie reich der Büroalltag an ästhetischer Schönheit ist. Das bloße Falten eines Blattes an sich ist nebensächlich. Doch in Serie produziert und entsprechend angeordnet wird daraus eine Zeichnung, die nicht an rechteckige Blätter denken lässt, sondern an natürlich anmutende Wellenbewegungen.

Handelsübliche Zeichendreiecke zu Mustern kombiniert werfen Fragen auf, wie viel Ästhetik in einem simplen Alltagsprodukt stecken kann – und wie schön man sich doch den Büroalltag gestalten könnte, wenn man die Zeit dafür hätte, denn die Zeit, die wir mit den Büromaterialien verbringen, ist stets ein Thema bei Uriarte.

Das gilt selbst für die achtlosen, beiläufigen Kritzeleien, die so mancher beim Telefonieren mit dem Kugelschreiber macht. Bei Uriarte werden faszinierende Zeichnungen daraus, aus der Nebensächlichkeit wird eine Hauptsache, in „dokumentenechtem Kugelschreiber“, versteht sich.

Und aus Zeichnungen können regelrechte Gemälde werden wie bei seinen Reutlinger Fenstern: Aus den Linien werden bei entsprechendem Abstand betrachtet in sich changierende Farbfelder.

Selbst ordinäre Gummiringe, mit denen man Papiere zu Rollen fixieren kann, dienen ihm zur Gestaltung ästhetischer Installationen. Werden sie im Alltag achtlos in einer Schale abgelegt, macht Uriarte aus ihnen einen Bodenteppich.

Das ist das Grundprinzip aller seiner Arbeiten. Das systematische Denken weist sie als Konkrete Kunst aus. Die „Materialien“ dazu stammen allesamt aus dem Büro, besser dem Büro alter Prägung vor dem Einzug des Computers, als es stattdessen noch die gute alte Schreibmaschine gab. Uriarte spannte ein Blatt ein und tippte – nicht einfach Buchstaben, die sich zu Wörtern formieren, sondern stets dasselbe Zeichen – einen Schrägstrich zum Beispiel, oder ein X oder ein Gleichheitszeichen. Daraus bildete er Muster, die sich in verschiedenen Farben überlagern: Aus der Schreibmaschine wurde ein Zeicheninstrument. Das heißt, Uriarte verwandelte ein reines Mittel zum Zweck – nämlich die Schreibmaschine, die ja nur dazu da ist, Buchstaben aufs Papier zu bringen, die ihrerseits nur Mittel zum Zweck sind, nämlich Wörter zu bilden – zum Selbstzweck: Die Aufmerksamkeit des Betrachters wird auf das getippte Zeichen selbst gelenkt, beispielsweise auf den Punkt.

Detail aus Period 1-8 (2014). Foto © S. Vogel

Je nach Anschlag drückt sich die Type tiefer ins Papier. Die stark vergrößerten Fotos von solchen Schreibmaschinenpunkten zeigen, wie martialisch das sein kann. Aus dem achtlos hingetippten Satzende wird ein Drama um Gewalt und Zerstörung. Damit erhebt Uriarte die Konkrete Kunst auf eine völlig neue Ebene, er macht sie relevant für alltägliche Erfahrungen, gar für moralische Fragen. So hat er handelsübliche Ordner in einem Kreis auf den Boden gestellt. Das entspricht dem eingangs erwähnten Kreis aus zerknüllten Papierkugeln. Die Ordner sind gefüllt mit Papieren, wie es sich gehört, doch diese Papiere wurden vorher zerknüllt, dann wieder glattgestrichen. Damit halten sie die Ordner so weit geöffnet, wie es zur Bildung des Kreises nötig ist. Zugleich aber werfen sie Fragen auf. Warum werden zerknüllte Papiere sorgsam abgeheftet, sie sind doch eigentlich Abfall? Was für einen Sinn macht das Abheften von Papieren überhaupt? Was bewahren wir auf, was ist es wert, aufbewahrt zu werden? Wieder geht die Konkrete Kunst über in grundsätzliche Fragen, die das Leben betreffen.

60 Seconds (2005). Foto: © H. Kube Ventura, 2019

So wie die Frage nach der Zeit. Sechzig Sekunden nennt Uriarte eine Arbeit, die aus einem Kreis aus sechzig Armbanduhren besteht. Der Sinn des Titels wird zu jeder vollen Stunde deutlich, denn die Uhren sind jeweils um eine Sekunde vorgestellt. Fängt zur vollen Stunde eine Uhr an, ihr Signal zu geben, folgen die übrigen im Sekundenabstand, reihum. Das Leben – ein getakteter Kreislauf aus lauter Alarmsignalen. Uriarte hat der Konkreten Kunst existentielle Bedeutung eingehaucht.

lgnacio Uriarte. Verwaltungstakte“, Kunstmuseum Reutlingen / Konkret, Eberhardstraße 14, Reutlingen bis 10.11.2019

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