Skulpturale Metamorphosen: Robert Schads Skulpturenregion auf Zeit

Skulpturen im öffentlichen Raum sind in der Regel Solitäre, kommen vereinzelt vor – zu schwer die Arbeiten, zu aufwändig die Logistik. Zwar gibt es Ansammlungen von Skulpturen, meist in Form von Wegen wie etwa in Kirchheim/Teck oder in den Weinbergen von Strümpfelbach, doch viel mehr als ein Dutzend Arbeiten sind auch da selten versammelt. Im Sommer 2019 aber gibt es gar eine ganze Skupturenlandschaft: Bis November finden sich in Oberschwaben Arbeiten von Robert Schad – sechzig Arbeiten an vierzig Orten von Ulm im Norden bis zum Bodensee im Süden, von Beuron im Westen bis Isny im Osten.

SERBINT, 2019, Hofgarten Schloss Messkirch © VG Bild-Kunst, Bonn 2019. Foto Ursula Schäfer-Zerbst

Wer in diesem Sommer vom Rand des Hofgartens von Schloss Meßkirch nach Norden blickt, erlebt einen spektakulären Anblick: Wie von riesenhafter Zauberhand scheint da eine dunkle Graphik in den Himmel gezeichnet worden zu sein. Wie kaum eine andere Arbeit in diesem gewaltigen Skulpturenprojekt macht diese Arbeit deutlich, was das Wesen von Schads plastischer Kunst ausmacht. Schad stellt keine Volumina in den Raum, er zeichnet gewissermaßen in die Luft. Er kreiert gewaltige, oft mehrere Meter umfassende Skulpturen, aber sie wirken seltsam schwerelos, obwohl sie aus dicken stählernen Vierkantstäben geschmiedet sind. Schads Skulpturen deuten nur an, sie scheinen nicht vollendet kompakt im üblichen Sinn, sondern wirken wie ein Angebot an den Betrachter, sie eigentlich erst fertigzustellen.

Daher sind diese Arbeiten der Inbegriff des Filigranen, zuweilen ausgesprochen tänzerisch. Bei einer anderen Arbeit in Meßkirch hat man den Eindruck, hier winkle eine Tänzerin elegant ein Bein ab und lasse den abgespreizten Fuß knapp über dem Boden schweben. Denn das ist das zweite, das diese Arbeiten auszeichnet: Sie wirken ungemein leicht, fast ätherisch, können aber auch den Eindruck kompakter Körper erwecken, wie bei der Arbeit vor der Klosterkirche Beuron.

Gerade weil Schad mit seinen Linien im Raum stets nur zu zeichnen, anzudeuten scheint, wohnt diesen Arbeiten etwas Mannigfaltiges inne. Das entdeckt man vor allem, wenn man um die Arbeiten herumgeht. Mit jedem Schritt verändert die Plastik ihr Aussehen und ihr Wesen. Das in sich Statische, das der Skulptur eigen ist, wird von Schad überwunden, seine Arbeiten wirken wie Figuren in Bewegung und sind Symbole der Metamorphose. Hier ist nichts starr vorgegeben, hier scheint alles in unablässiger Bewegung. So erweckt die Arbeit auf dem Marktplatz in Altshausen von einem Blickwinkel aus wie eine steil in die Luft ragende Stele, bekommt beim Herumgehen „Gliedmaßen“, beginnt zu tanzen. Obwohl Schads Arbeiten fast durchweg abstrakt sind, ist man immer wieder geneigt, Menschenähnliches zu entdecken. So will eine der abstrakten Brunnenfiguren auf dem Ravensburger Marienplatz nicht in ihrem zugewiesenen Element, dem Wasserbecken, bleiben, sondern wagt ein Schrittchen hinaus aufs Pflaster.

Durch diese ständige Verwandlung sind Schads Arbeiten wie geschaffen für den Außenraum, obwohl es in Schloss Mochental und in Bad Saulgau auch Ausstellungen im Innenraum gibt. Und für dieses Projekt wurden kongeniale Räume gefunden. Da ragt eine rostige Stahlstele inmitten von Bäumen in die Luft und man entdeckt sie zunächst gar nicht, weil sie sich, wiewohl rostiger Stahl, ganz „natürlich“ in das Ambiente fügt. Für die Klosterkirche Beuron hat Schad ein ovales Gebilde ausgesucht, das wie ein Ei wirkt, und die Kirche, die architektonisch ein wenig in sich geduckt ist, wie eine Glucke aussehen lässt.

MARRAK, Ehingen, Marie-Curie-Strasse, 2019, Detail © VG Bild-Kunst, Bonn 2019, Foto Bernhard Strauss

In Ehingen treten seine Arbeiten hoch in die Luft ragend in einen Konkurrenzkampf mit den Kränen eines ortsansässigen Unternehmens. In Kressbronn steht eine Plastik unmittelbar am Bodenseeufer und scheint auf das Wasser hinauszuschauen, als halte sie nach ankommenden Schiffen Ausschau.

SKORN, Galerie Fähre, Bad Saulgau © VG Bild-Kunst, Bonn 2019. Foto Ursula Schäfer-Zerbst

In Bad Saulgau gar kann man dank der beim Herumgehen sich ständig verändernden Form der Plastiken gleich mehrere Ortsbezüge ausmachen. Von einer Perspektive aus betrachtet wirkt die Arbeit wie ein Fenster, und in der Tat entdeckt man darüber in einer Hauswand die echten Pendants. Ein paar Schritte weiter rückt der Torbogen zum alten Kloster, in dessen Hof sie steht, in den Blick und Skulptur und Architektur bilden Parallelen. 

 

So entdeckt man nicht nur in diesen Arbeiten stets Neues, man entdeckt auch die Umgebung dieser Kunstwerke neu, die man am liebsten auf Dauer an den jetzigen Standorten wünscht (einige sind tatsächlich Auftragsarbeiten und bleiben stehen). Und man kann, wenn man tatsächlich alle vierzig Standorte ansteuert, ganz Oberschwaben bis ins allgäuliche Isny neu erleben. Auf einer interaktiven Karte kann man die einzelnen Standorte aufrufen samt Abbildungen. Wer die Rundreise nicht schafft, kann alle Arbeiten im Katalog nachschlagen, für dessen Fotos alle am Standort vorzüglich fotografiert wurden (lediglich ein Foto von Altshausen entspricht nicht der Realität). Im letzten Abschnitt des Katalogs sind alle Standorte beschrieben und historisch charakterisiert.

Man wird lange warten müssen, bis man ein derartig ambitioniertes, brillant konzipiertes und realisiertes Skulpturenprojekt wieder erleben wird.

Robert Schad. Von Ort zu Ort. Sechzig Skulpturen an vierzig Orten in fünf Landkreisen in Oberschwaben und am Bodensee bis 30.11.2019. Katalog 247 Seiten, 30 Euro

2 Gedanken zu „Skulpturale Metamorphosen: Robert Schads Skulpturenregion auf Zeit

  1. Walter Neef

    Wir wollen einige der Skulpturen mit dem Pedelec erkunden. Mal sehen wie weit wir damit kommen. Dieser hochinteressante und emotionale Beitrag hat uns dazu motiviert.

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