Moderne Kunst mit Stillleben und Landschaften: Giorgio Morandi in der Städtischen Galerie Villingen-Schwenningen

Was er male, existiere, sagte Paul Cézanne einmal, er male nichts, das es nicht gebe. Dieser Satz könnte auch von Giorgio Morandi stammen. Sein großes Thema waren neben der Landschaft Vasen und Kannen. Und doch streben seine Bilder einer Abstraktion entgegen, wie man es bei dieser Gegenstandsverhaftung kaum vermuten würde. Eine Ausstellung in der Städtischen Galerie Villingen-Schwenningen macht das deutlich. Sie stellt zwei seiner wesentlichen malerischen Themen in den Vordergrund: Licht und Farbe.

 

Natura morta, 1963 © VG Bild-Kunst, Bonn 2018 Foto: Christopher Clem Franken

Es ist alles deutlich zu erkennen: Ein etwas altmodischer Trinkbecher im Vordergrund, dahinter eine bauchige Teekanne. Und doch wirken diese beiden so schlichten Gegenstände wie nicht von dieser Welt. Sie sind erkennbar und scheinen sich doch dem identifizierenden Zugriff entziehen zu wollen. Auch wenn die Formen Trinkgefäß und Kanne suggerieren, so sind es genau genommen nichts als Oberflächen, obwohl es doch dreidimensionale Gebilde sein müssten. Der Kunsthistoriker John Rewald hat möglicherweise den Schlüssel zu diesem Geheimnis geliefert. Bei einem Besuch in Morandis Atelier fielen ihm natürlich die zahlreichen Gefäße auf, aus denen der Künstler seine Stillleben auf einem Tisch arrangierte, aber ebenso auffällig sei eine dicke Staubschicht gewesen, die sich über alles gelegt habe. Morandis Gegenstände, selbst wenn aus Glas, sind nie transparent. Das Licht auf seinen Bildern – und Licht war eines der Phänomene, auf die es ihm vor allem ankam – ist nicht das einer klaren Lichtquelle, Morandis Licht ist indirekt, es bringt die Oberflächen der Gegenstände nicht zum Leuchten, sondern macht sie auf besondere Weise sichtbar. Morandis Malerei ist eine Kunst der Oberflächen und damit eben in erster Linie der Flächen.

Daher haben seine Bilder in der Regel auch keine Tiefe, schon gar keine perspektivische. Wenn Gegenstände hintereinander zu stehen scheinen, dann ergibt sich dieser Eindruck in der Regel nur durch unsere Sehgewohnheit, die eben zwei teilweise voreinander gemalte Gegenstandsflächen räumlich wahrnimmt. Morandi löst die dreidimensionalen Gegenstände in reine Flächen auf – insofern ist seine Malerei, obwohl sie eindeutig vom realen Gefäßensemble herrührt, im wesentlichen abstrakt.

Grande natura morta scura, 1934 © VG Bild-Kunst, Bonn 2018 Foto: Hartmut Schmidt

Das gilt auch für seine Druckgraphiken. Sie zeigen zwar dieselben Gegenstände, aber Morandi versucht gar nicht erst, in einer Radierung den Eindruck von Körperhaftigkeit vorzutäuschen. Er stellte die Dinge in einer raffinierten Struktur aus lauter Schraffuren dar. So wie er auf seinen Gemälden die Gegenstände in Farbflächen auflöste, bestimmten hier rein abstrakte graphische Linien den Bildinhalt.

Diese Auflösung in einzelne Bildflächen findet sich auch bei seinen Landschaftsbildern. Auch hier ging er von der Realität aus, aber er holte sich die Landschaft mit dem Fernglas heran, befreite sie von der ihr eigenen perspektivischen Tiefe, wie wir sie wahrnehmen, und macht versatzstückartige Kompositionen aus ihr. Die Landschaft zerfällt in Einzelelemente, wird abstrakt.

Natura morta, 1964 © VG Bild-Kunst, Bonn 2018 Foto: Hartmut Schmidt

Wie weit diese Abstraktion gehen konnte, machen seine Bleistiftzeichnungen deutlich. Hier begnügte er sich mit einem Minimum an Strichen, die den Gegenstand allenfalls andeuten, nicht aber darstellen. Morandi arbeitet mit Positiv- und Negativformen, löst die Realität in abstrakte Zeichen auf.

Gerade die Zeichnungen in dieser Ausstellung machen deutlich, dass Morandi nicht Gegenstände darstellt, sondern Abbreviaturen der sichtbaren Welt. Damit entgegenständlicht er die Welt auf seinen Bildern. So wird auch sein Credo verständlich, demzufolge nichts so abstrakt sei wie die sichtbare Welt. Morandi bringt seine Gegenstände mithilfe von farbigen Flächen auf die Leinwand, aber gerade dadurch porträtiert er sie paradoxerweise nicht. Er transformiert sie zu Geheimnissen. Hierin liegt seine Modernität – eine Modernität, die zeitlos ist, weil sie den Blick mit jedem Bild von Neuem herausfordert.

Giorgio Morandi – Licht und Farbe“, Städtische Galerie Villingen-Schwenningen bis 15.7.2018. Katalog 88 Seiten 18 Euro

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