Schöpfungen wie aus dem Nichts: Die Farbe Weiß im Museum Ritter

Es sollte ein Neuanfang sein, eine Stunde Null in der Kunst, von der an alles möglich war. So verstanden Otto Piene und Heinz Mack 1958 ihre neue Kunst, die sie ZERO nannten und in deren Zentrum die Farbe Weiß stand – die Farbe bzw. das Licht. Ein besseres Medium hätten sie nicht wählen können, als sie ein Gegengewicht gegen den Ballast der Vergangenheit suchten, denn Weiß gilt – zumindest in unserem Sprach- und Kulturraum als Symbol der Reinheit, der Unschuld und Unendlichkeit (im Unterschied etwa zum Buddhismus, wo Weiß für Trauer steht, und zu China, wo Weiß Symbol für Herbst und Alter ist). Weiß zählt mit Schwarz zu den unbunten Farben, wobei der Begriff Farbe durchaus zutrifft, denn physikalisch ist Weiß die Addition von Rot, Grün und Blau in jeweils gleichen Intensitäten. Insofern könnte man bei Weiß auch von einem Höchstmaß an Möglichkeiten reden. Das Museum Ritter in Waldenbuch zeigt ein Spektrum dieser Möglichkeiten – natürlich, wie stets in diesem Haus – im Quadrat.

Selbstverständlich darf Günther Uecker nicht fehlen mit einem jener Bilder, die schon früh zu seinem Markenzeichen wurden: Reliefs aus großen Nägeln, deren Köpfe er weiß bemalte. Durch ihre spiralförmige Anordnung entwickeln sie vor dem Auge eine wirbelnde Dynamik, das Weiß hebt sich von den dunkelgrauen Nägeln ab und bildet eine lebendige, in sich bewegt scheinende Oberfläche, die vor der eigentlichen Bildplatte wogt. Damit begann Uecker genau zu dem Zeitpunkt, als Mack und Piene ZERO gründeten, und es war nur eine Frage der Zeit, bis auch Uecker zu dieser Gruppe stieß.

Seine Arbeit macht bereits deutlich, wozu Weiß besonders fähig ist. Die an sich neutral wirkende Farbe kann Vorder- und Hintergründe schaffen. Das zeigt sich vor allem im Zusammenspiel mit Schwarz. Dabei erweckt Weiß meist den Eindruck, hinter den schwarzen Farbfeldern zu stehen, daher ist der Ausstellungstitel denn auch sehr aussagekräftig: Weiß ist der Grund – vielleicht auch, weil Künstler zumindest in vielen Fällen ihre Bilder auf weißem Grund malen. Doch ganz so eindeutig ist das nicht, es kommt auf die formale Gestaltung an.

Marcello Morandini hat auf Holz weiße geometrische dreidimensional wirkende Gebilde in Reih und Glied angeordnet, sodass die schwarze Fläche dahinter wirken wie ein riesiger dunkler Raum, den die weißen „Klötzchen“ verdecken. Auf jeden Fall bietet das Zusammenspiel von Schwarz und Weiß vielfältige Möglichkeiten der Tiefenwirkung selbst in zweidimensionaler Malerei.

Zugleich erwecken weiße Flächen den Eindruck, größer als schwarze zu sein (vielleicht ein Grund, weshalb Frauen gern das „kleine Schwarze“ wählen, wenn sie besonders schlank wirken wollen). Weiß scheint sich auszudehnen, scheint keine Grenzen zu kennen wie das Licht. Daher haftet ihm auch etwas Immaterielles, Ätherisches an. Wenn Enrico Castellani in seine mit weißer Acrylfarbe bemalte Fläche punktartige Vertiefungen anbringt, dann ergibt sich ein faszinierendes Spiel von Licht und Schatten, das der Bildfläche, die in ihrer weißen Glätte eigentlich tot wirken müsste, dynamische Lebendigkeit verleiht.

Weiß im Verein mit Licht wiederum gibt der Farbe die Strahlkraft, die sie von anderen Farben abhebt. Weiß scheint aus sich heraus zu leuchten, so wie Schwarz alles in sich hineinzuziehen scheint. Versieht man eine weiße Fläche mit kleinen durchsichtigen Plastikelementen in unterschiedlichen Winkeln, bringt das eine Art Lichtraum zustande, was, wie Raimund Girke gezeigt hat, aber auch in der zweidimensionalen Form als reines Bild gelingt. Da wirkt weiß als Farbe der Meditation. Ruhe nennt Girke dieses Bild – und betont damit, was die ZERO-Künstler bereits erkannt hatten: dass Weiß Stille symbolisiere.

Und Weiß betont den Kontrast, vor allem mit Schwarz. Kontrast muss aber nicht Gegensatz sein. Eine ganze Reihe von Künstlern haben durch ihre konstruktivistischen Kompositionen betont, dass Weiß und Schwarz zwar Gegensätze seien, zugleich aber ein Paar bilden wie Yin und Yang in der chinesischen Philosophie. Mit einem einfachen formalen Trick hat das Hermann Glöckner bildnerisch demonstriert: Er hat zwei Quadrate miteinander verknüpft und so eine Durchdringung zweier Quadrate geschaffen, somit die Untrennbarkeit von Weiß und Schwarz vorgeführt.

Weiß ist der Grund. Unbunte Bilder aus der Sammlung Marli Hoppe-Ritter“, Museum Ritter, Waldenbuch bis 16.9.2018

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