Musik tanzt: Mozarts Gran Partita als Inspiration für einen Ballettabend an der Opéra nationale du Rhin

Dass aus einem Schauspieler ein guter Regisseur wird, ist keine Selbstverständlichkeit und auch eher die Ausnahme. Ganz anders in der Welt des Tanzes. Die meisten großen Choreographen fingen als Tänzer an, ob sie nun John Neumeier heißen, Uwe Scholz oder Marco Goecke. Insofern ist ein Ballettdirektor gut beraten, wenn er Tänzern mit choreographischen Ambitionen Möglichkeiten hierfür einräumt. Bruno Bouché, der Leiter des Balletts der Opéra nationale du Rhin, hat nun sieben jungen Talenten seiner Truppe die Aufgabe gestellt, zu jeweils einem Satz von Mozarts Gran Partita ein Tanzstück zu kreieren.

Christina Cecchini. Screenshot vom Stream

Und offenbar hilft dabei, wenn man eine inhaltliche Keimzelle hat. Eureka Fukuoka beispielsweise geht in ihrem Stück dem Gedanken nach, wie eine Idee in die Welt kommt; manchmal, so schreibt sie im Programmheft, sei es wie ein Kinderspiel. Und so lässt sie eine Tänzerin die Bühne betreten, als wäre sie bei einem ganz gewöhnlichen Spaziergang in eine fremde Gegend gelangt. Sie schaut sich verwundert um, greift in die Luft, und unmerklich werden aus den Alltagsbewegungen Tanzschritte. Sie erkundet mit Armen und Händen die neue Welt, scheint in der Luft Wände zu entdecken und zu verschieben, als wäre sie eine Architektin und wolle Luftschlösser bauen. Das ist alles so plastisch und einfallsreich choreographiert, dass es ihrer inhaltlichen Erklärung im Programmheft gar nicht bedurft hätte, und Christina Cecchini meistert die Gratwanderung zwischen Alltag und Tanz grandios.

Jesse Lyon nennt sein Stück zum 3. Satz der Partita „Tresses“, „Zöpfe“, und und tatsächlich verschlingen sich die beiden Tänzerinnen und ihr Partner in immer neuen Konstellationen auf der Bühne wie drei Haarstränge eines Zopfes.

Ana Karina Enriquez Gonzalez, Jesse Lyon, Alice Pernão

Das ist vom Tanz her zwar eher konventionell, aber sehr fantasiereich umgesetzt, ein ganz der Musik nachempfundenes Wogen und Ineinandergreifen der tänzerischen Ideen, wobei grundsätzlich alle sieben Choreographen sich durch hohe Musikalität auszeichnen bei ihrem Ausloten der musikalischen Prozesse.

Mikhael Kinley-Safronoff wiederum bringt eine veritable Paarbeziehung auf die Bühne. Da geht es, zum Teil mit stark pantomimischen Mittteln, um Gleichklang der Gefühle ebenso wie um Disharmonien, die auch durch die Hinzuziehung einer dritten Person nicht ganz aus dem Weg geräumt werden können. Das alles freilich, der Musik entsprechend, auch mit einem zwinkernden Auge.

Ein sehr ernstes, geradezu philosophisches Thema verfolgt Marwik Schmitt. Er spürt dem Gedanken nach, inwieweit der Mensch sich selbst zur Gefahr werden kann. Er ließ dazu seinen Tänzer Cedric Rupp mit einem Schwert jonglieren, auch mal mit der Spitze gegen sich selbst richten. Das an sich wäre ausreichend gewesen, doch steckte er eine Schulter und einen Arm des Tänzers in eine metallene Rüstung, die dieser immer wieder befremdet betastet und abzuschütteln versucht. Darauf hätte er lieber verzichten sollen.

Natürlich gibt es auch Choreographien ohne solche Themen, die ganz abstrakt das ausloten, was Mozarts Musik an feinen Windungen anzubieten hat, eine Musik, die durch die in einem Halbkreis sitzenden ausführenden Musiker stets auf der Bühne präsent ist. Dabei verlangt vor allem Pierre Doncq seinen Tänzerinnen Brett Fukuda und Dongting Xing virtuose lange Passagen auf Spitze ab, die sie grandios meistern.

Marin Delavaud, Pierre-Émile Lemieux-Venne. Screenshot vom Stream

Den Auftakt macht eine fulminante Arbeit von Pierre-Émile Lemieux-Venne. Seine Fantasie scheint keine Grenzen zu kennen. Zunächst einmal geschieht gar nichts, passend zu Mozarts Musik, die mit einer sehr eindringlichen langsamen Einleitung beginnt. Zwei Tänzer, einer davon der Choreograph, nehmen vor den Musikern auf der Bühne Platz, der eine auf einem Rokokostuhl, der andere davor auf dem Boden, und gemeinsam lauschen sie der Musik. Doch wenn dann Mozarts quirliges Allegro einsetzt, das sich dadurch auszeichnet, dass die Holzbläser paarweise erklingen, weshalb ja auch sinnigerweise zwei Tänzer zum Einsatz kommen, heben die beiden mit einem rasanten Spiel an. Exakt zu dem musikalischen Geschehen knicken sie in den Knien ein, strecken die Beine in die Luft, hüpfen mit angewinkelten gespreizten Beinen. Das wirkt, als würden sich hier zwei Kobolde einen neckischen Nachmittag machen. Bleibt nur eine Frage: Was das alles mit einem Unfall mit einem Toaster und rettenden Spritzpistolen zu tun hat, die der Choreograph im Programmheft erwähnt.

Am Ende hätte eigentlich noch einmal Pierre-Émile Lemieux-Venne ein koboldhaftes Geschehen inszenieren können, denn Mozart lässt sein Stück mit einem kecken Rondo ausklingen, doch wie Rubén Julliard seine Tänzer Oliver Oguma und Ryo Shimizu über die Bühne jagt, ist ähnlich virtuos und witzig.

So ist eine abwechslungsreiche Dreiviertelstunde Tanz entstanden, die ganz dem huldigt, was dem Stück den Titel gab: Mozarts Gran Partita.

 

Das Video der Aufführung ist noch mindestens einen Monat abrufbar

https://philharmonique.strasbourg.eu/de/-/la-gran-partita-mozart

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