Selbstbefragung. Das Selbstbildnis in der Malerei der Gegenwart in Bad Saulgau

In seiner großen Studie über die Geschichte des „gemalten Gesichts“, des Selbstporträts, konstatiert der englische Kunsthistoriker James Hall, im 20. Jahrhundert hätten die Künstler eher eine Scheu gegen die Selbstdarstellung entwickelt. James Ensor habe Masken statt Gesichter gemalt, Picasso sei zumindest dem Selbstbildnisgemälde gegenüber skeptisch gewesen, Happeningkünstler hätten ihr Gesicht bis zur Unkenntlichkeit verunstaltet und und Fotokünstlerinnen wie Cindy Sherman sich in Rollenspielen durch Verkleidungen und Maskierungen geübt. Eine Ausstellung in Bad Saulgau zeigt, welche Formen dieser eher distanzierte Umgang mit dem eigenen Ich annehmen kann: Selbstbildnisse und andere Rätsel.

Sigrun C. Schlehek, Selbst 5, 2014

Das Beispiel Sigrun C. Schlehek scheint den englischen Kunsthistoriker allerdings zu widerlegen. Jedes Jahr malt sie ein großformatiges Selbstporträt, 2019 beispielsweise in Jeans auf einem roten Ledersessel sitzend mit überdimensionalen grasgrünen Hausschuhen, an deren Spitzen braune Raubtierkrallen appliziert sind – ein seltsamer Kontrast, denn der Stoff der Schuhe selbst wirkt flauschig weich, sodass man sich fragt, ob sie es ganz ernst gemeint hat, und das Selbstbildnis von 2014 scheint das zu bestätigen: Da posiert sie als Harlekin, allerdings mit einer Miene, die verrät, dass zum Spaßmachen kein Anlass besteht. Das ist bei aller Betonung des eigenen Ichs zugleich eine Distanzierung.

Auch ein Selbstporträt von Bettina Moras wirkt zwiespältig. Sie selbst sitzt ein wenig abgespannt in einem Sessel, links von ihr befindet sich das Porträt, das sie von sich gemalt hat, aber es ist von der Künstlerin durch kreuz und quer im Raum verstreute Pinsel wie durch einen Zaun getrennt.

Auch Pavel Feinstein hat sich öfter verewigt, vor einigen Jahren mit deutlichen Altersspuren, 1990 dagegen als strahlenden Jüngling mit einem Totenschädel. Da könnte man an eine Selbststilisierung zum grüblerischen Hamlet denken, der ja auch mit einem Totenschädel in der Hand über das Leben reflektiert, es könnte aber auch ein Memento Mori eines jungen Mannes in der Blüte seiner Jahre sein.

Ohne Hintergedanken ist keines der in dieser Ausstellung versammelten Bildnisse, weshalb der zweite Teil des Ausstellungstitels durchaus angemessen ist, auch wenn er sich eher auf Gemälde bezieht, die nicht das Ich im Zentrum haben. Aber gerade die Selbstbildnisse sind gleichfalls voller Rätsel. So scheint Erwin Pfrang als unermüdlich Suchender in der eigenen Biographie. Das Gesicht ist zerfurcht, als sei das Innenleben dieser Person in Falten geronnen. Umgeben ist diese eindeutig nicht mehr junge Gestalt immer wieder von Erinnerungen an das eigene Leben. Es finden sich junge Straßenmusikanten, Knaben auf dem Fußballplatz, Säuglinge: Das Ich als Summe der jahrzehntelangen Erfahrungen und Erlebnisse oder auch der Erinnerungen im Alter, das sind geradezu psychoanalytische Selbstbildnisse.

Jeder der hier versammelten Künstler gestaltet mit dem Selbstbildnis ein zwiespältiges Verhältnis zum eigenen Ich. Das kann eine Alltagssituation sein. Yongbo Zhao porträtiert sich als Trunkenbold, zumindest im Zustand eines Rauschs. Und er taucht auf einer Art Historienbild gleich massenhaft auf. Das Bild zeigt den Prager Fenstersturz, bei dem Protestanten katholische Würdenträger aus dem Fenster warfen und so den Dreißigjährigen Krieg auslösten. Auf dem Bild wird der Papst höchstpersönlich von Erinnerungen an das Ereignis mit den verheerenden Folgen geplagt, kein Geringer als Benedikt XV., der umringt ist von lauter fratzenhaften Gesellen, die den Fenstersturz bewerkstelligen und eindeutig Ähnlichkeit mit dem Künstler haben.

Ambivalent ist auch das Ichverständnis von Roni Taharlev. Sie porträtiert sich und verzichtet auf jegliche Schönmalerei. Die anderen Figuren, die auf ihren Bildern auftauchen, sind dagegen eher männlichen Geschlechts, obwohl man da nicht immer sicher ist, sie haben meist etwas Androgynes an sich. Das sind Selbsterkundungen als Genderstudy, und da verwundert es nicht, dass auf einem Bild von Mariä Verkündigung die spätere Gottesmutter so gar nicht weiblich wirkt.

Johannes Grützke, Ein Kopf in den Händen, 1965

Ein besonders intensiver Egomane unter den Künstlern der letzten Jahrzehnte war Johannes Grützke. Er scheint unablässig mit dem eigenen Ich Probleme gehabt zu haben, will man seinen Bildern glauben. Mal ist sein Kopf angeschnitten, mal verrenkt er den Leib, wie es Egon Schiele vor einem Jahrhundert auf seinen Bildern getan hat, wenn auch ungleich erotischer; Grützke macht es eher mit Selbstironie. Und er fragt, wer bin ich denn, wenn er sich porträtiert, wie er gerade eine Maske vom Gesicht abzieht, die ihm eine andere Identität verliehen hat. Eine ähnliche Ironie findet sich auch bei Lilli Hill. Die Künstlerin, die eindeutig einige Pfunde zuviel durch die Welt trägt, zeigt sich gleichwohl deutlich so, dabei aber in grazilen Posen, die trotz Körperfülle möglich sind. Und auch Pavel Feinstein betrachtet sich und sein Tun mit Humor, wenn er nicht sich beim Malen eines Aktbildes zeigt, sondern einen Affen.

Pavel Feinstein, Affe malt Akt, 2010

Feinstein erlaubt es sich sogar, ganz auf das eigene Ich zu verzichten, und ist doch präsent. Einmal sehen wir nur eine Palette vor einem offenbar soeben vollendeten Bild, darin steckt der Pinsel, ein anderes Mal sehen wir vor der Kopie eines Velázquez-Gemäldes die ausgedrückten Farbtuben. Einen ähnlichen Verzicht auf die eigene Gestalt kann man auch in einigen Bildern von Sigrun C. Schlehek entdecken. Sie malte eine Serie mit dem Titel „Aus dem Garten der Dinge“. Da sehen wir mal Feigen, auf denen eine nackte Dame mit Spazierstock tanzt und die Scham bedeckt hält – mit einem Feigenblatt? Ein anderes Mal balanciert ein Ei auf einem Topfdeckel. Das kann man als Stillleben deuten, aber auch als Kommentar zur Alltagstätigkeit einer Frau, die einen Teil ihres Lebens rollenbedingt in der Küche verbringt. In diesem Fall wäre es eine Art Selbstporträt, auf dem Dinge des Lebens die lebende Person ersetzt haben, oder gar verdrängt? Das Leben ist eben voller Rätsel.

Selbstbildnisse und andere Rätsel“, Galerie Fähre Altes Kloster, Bad Saulgau bis 23.8.2020

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