Urquell Farbe: Die Malerin Ida Kerkovius

Wäre sie ein halbes Jahrhundert später zur Welt gekommen, hätte sie möglicherweise eine Professur an einer bedeutenden Kunstakademie erlangt. Doch Ida Kerkovius war Jahrgang 1879, und regulär durften Frauen erst ab 1919 an Kunstakademien studieren. Dennoch hatte sie an der Stuttgarter Akademie schon reüssiert. Kein Geringerer als Adolf Hölzel hatte sie bereits in seiner Malschule in Dachau kennengelernt, in Stuttgart machte er sie 1911 zu seiner Assistentin. Ab 1920 studierte die offenbar unermüdlich Neugierige dann noch am Bauhaus und entwickelte sich zu einer eigenständigen Künstlerpersönlichkeit. Die Staatsgalerie Stuttgart widmet ihr jetzt eine Ausstellung: „Die ganze Welt ist Farbe“.

Abstraktes Stillleben, 1960 © Kerkovius Archiv Wendelstein

Coronabedingt ist ein Besuch in der Staatsgalerie derzeit stark gelenkt. Daher kommt man auf dem Weg zum Grafikkabinett, in dem die Ausstellung zu sehen ist, zwangsläufig an den Bildern von Adolf Hölzel vorbei – eine ideale Hinführung zum Werk von Ida Kerkovius, denn bei ihr entdeckt man dieselben intensiven Farben – Rot, Blau, Gelb, Hölzels zentralen Dreiklang. Das Abstrakte Stillleben aus dem Jahr 1935 weist auch die bei Hölzel typische Aufteilung der Bildfläche in relativ kleine Farbelemente auf. Das gilt noch mehr für ihr nicht datiertes Zwiegespräch, wo diese Farbelemente noch schwarz umrahmt sind wie oft bei Hölzel, und doch haben diese Bilder nicht mehr viel gemein mit den Arbeiten des verehrten Lehrers. Hölzel selbst meinte einmal, eigentlich male sie seine Lehre, und trotzdem komme etwas ganz anderes heraus. Das mag daran liegen, dass sie am Bauhaus auf andere Künstlerpersönlichkeiten traf, auf den großen Entwickler der abstrakten Malerei, Wassily Kandinsky, der ähnlich wie die „Kerko“, wie sie liebevoll genannt wurde, letztlich nicht rein ungegenständlich malte, sondern von der sichtbaren Welt eben „nur“ extrem abstrahierte. Daher finden sich bei den Bildern von Ida Kerkovius immer Anklänge an die Welt der Dinge – selbst das Abstrakte Stillleben lässt so etwas wie eine Tischdecke ahnen, vielleicht ein Picknick, eine Puppe, und doch ist es eben ein abstraktes Bild.

Noch ein Bild erinnert an ihren Stuttgarter Lehrer. Es ist eine Figurengruppe; die Figuren sind in einem Kreis angeordnet, das wirkt stark abstrahiert und zugleich fast sakral, wie etwa Hölzels Anbetung aus dem Jahr 1924, doch während man bei Hölzel meint, ein Glasfenster mit schwarzen Bleiruten vor sich zu haben, ist Kerkovius‘ Bild bei aller geometrischen Präzision freier, fast spielerisch. Das verdankt sie möglicherweise dem Studium bei dem von ihr ebenfalls hoch geschätzten Paul Klee.

 

Gartenbild Hofheim, 1935 © Kerkovius Archiv Wendelstein

Die Leichtigkeit seiner Kompositionen findet sich in nahezu jedem Bild von Ida Kerkovius – mal strikt abstrakt, mal fast realistisch gegenständlich. Diese Künstlerin ließ sich keiner Kunstrichtung zuordnen, sie selbst hat darauf großen Wert gelegt.

Daher ist es auch nicht einfach, einen typischen „Kerkoviusstil“ auszumachen. Jedes Bild ist vollkommen neu, eigenständig, und unverwechselbar. Vor allem sind diese Arbeiten sehr poetisch. Das kann mit feinen hellen Farben geschehen wie bei der Gartenlaube, die an einen Palast aus 1001 Nacht erinnert. Das kann durch tiefdunkle Farben wie auf einem Nachtgemälde heraufbeschworen werden, auf dem sich aus der abstrakten Komposition heraus immer wieder Fantasiegestalten tummeln, als wären sie einem Bild von Chagall entsprungen. Das ist selbst bei einem Bild der Fall, das fast ausschließlich mit Grautönen auskommt wie bei dem Blick aus dem Fenster, auf dem Häuser und Berge zu tanzen scheinen. Eine solche Beschränkung auf einen Farbton ist freilich bei ihr ungewöhnlich, sie liebte viele Farben, jedes ihrer Bilder kann man als intensive Farbkomposition bezeichnen, die Farbe macht das Wesen ihrer Arbeiten aus. Willi Baumeister hatte mit seiner Bemerkung, in der Farbe sei Ida Kerkovius ihnen allen überlegen, Recht. Und das zeigen gerade solche Bilder, die mit einer stark reduzierten Palette auskommen. Ein Bild mit dem Titel Frühling zeigt üppig blühende Bäume – wie so oft stark abstrahiert. Zu sehen sind in erster Linie dicke weiße Farbwolken, Stämme sind nur durch kurze dunkle Striche angedeutet – ein Bild, das perfekt ihr Credo belegt, kalte Abstraktion liege ihr gar nicht, obwohl sie seltsamerweise als abstrakte Malerin bezeichnet werde. Kalte Abstraktion nicht, sehr wohl aber verspielte, träumerische, tänzerische – eben poetische. Bilder wie der Frühling sind grandiose Farbkompositionen, auch wenn sie vornehmlich mit der Nichtfarbe Weiß arbeiten, vielleicht sogar gerade deshalb, denn hier zeigt sich die Virtuosität der Malerin im Umgang mit Farbvaleurs. Und eine kleine Abstrakte Komposition, mit der die Ausstellung beginnt, ist eine Perfektion weniger Pinselstriche auf blauem Grund.

Auf Violett mit Kreuzform © Kerkovius Archiv Wendelstein

Dieser farbige Grund ist möglicherweise so etwas wie ein Markenzeichen. Das drückt sich auch in Titeln aus: Fantasie auf Gelb, Pastell II auf Grün, Auf Violett mit Kreuzform. Solche Titel zeigen, dass es ihr auf Gegenständlichkeit weniger ankommt, auch wenn es von ihr zahlreiche Blumen- und Gartenbilder gibt. Bilder von Ida Kerkovius sind heiter entspannte Kompositionen auf Farbe, die in Formen gerinnt, jede einzelne Arbeit ist ein Genuss für die Augen und eine Inspiration für die Fantasie, mit diesen Farbformen zu spielen, weiterzuspielen, auch wenn man nicht mehr vor den Bildern steht.

Ida Kerkovius. Die ganze Welt ist Farbe“, Staatsgalerie Stuttgart bis 13.9.2020

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