Synthesen von Gegensätzlichkeiten: Sean Scully und Liliane Tomasko

Zwei grundlegend unterschiedliche Ausdrucksformen bestimmen die Kunst der Moderne. Auf der einen Seite ist es der individuelle Pinselstrich, Ausfluss der Gestimmtheit des Künstlers, ob er nun den abstrakten Expressionisten wie de Kooning zuzurechnen ist oder den Actionpaintern wie Jackson Pollock – das Bild letztlich als Ausdruck der Künstlerpsyche. Auf der anderen Seite die Abwesenheit jeglicher Subjektivität, Dominanz der Geometrie, Reduktion auf wenige Linien und Farben. Eine Ausstellung mit Werken des Künstlerpaars Liliane Tomasko und Sean Scully im KUNSTWERK, dem Museum der Privatsammlung Klein in Eberdingen, zeigt beide Positionen und demonstriert, dass sie einander nicht ausschließen.

Der Streifen hat es Sean Scully angetan, ob einfach quer über die Leinwand gezogen oder als Kombination aus waagrechten und senkrechten als Raster. Man kann das als Fortführung der konstruktivistischen Kunst sehen oder als Hommage an Piet Mondrian, den Scully sehr verehrt. 1973, ein Jahr nach Beendigung seines Kunststudiums, ließ er keinen Zweifel daran, dass er geometrische Berechnung liebte. Diagonal Inset nannte er ein großformatiges Bild, und es besteht in der Tat aus lauter diagonalen Farbstreifen, die sich freilich nicht wie die waagrechten und senkrechten bei Mondrian klar voneinander absetzen, sondern einander kreuzen, mal andere überdecken, mal unter anderen verschwinden. Die konstruktivistische Kunst erhielt mit diesem Bild eine ganz neue Dimension: Sie, die bis dahin weitgehend flächig zweidimensional war, erschien plötzlich Raumtiefen zu eröffnen, nicht zuletzt durch ein dreieckiges Insert am oberen Bildrand, das wie ein Blick in eine Holzkonstruktion eines Dachbodens wirkt. Und ein Jahr danach reduzierte Scully seine Ausdrucksmittel noch einmal: Über eine graue Bildfläche sind dünne farbige Linien gezogen. Kühler, aseptischer, präziser schien es kaum mehr gehen zu können, doch der Eindruck täuscht. Die Linien hat Scully nicht auf eine grauweiße Fläche aufgetragen, er hat vielmehr die Felder zwischen den Linien erst nachträglich mit grauweiß aufgefüllt, und was auf den ersten Blick geometrisch exakt wirkt, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als scheinbar „fehlerhaft“. Da ist hier einmal die Farbe ausgelaufen, dort in ein weißes Feld übergegangen. Was aseptisch wirkt, erweist sich als Bild voller persönlicher Pinselstriche – und diese Individualität in der Linie sollte Scullys weiteres Werk prägen.

De Kooning hat er einmal als eine seiner prägenden Leitfiguren erwähnt, auch Expressionisten wie Schmitt-Rottluff – alles andere als Vertreter einer exakten geometrischen Kunst.

Scully gelang eine Quadratur des Kreises: Er hat die kühle Geometrie mit dem Expressionismus des subjektiven Pinselstrichs zur Synthese gebracht. So wurden seine breiten Pinselstriche oder auch rechteckigen Teilflächen auf den Bildern immer aufregender, man kann genau den Malprozess nachvollziehen, das Mischen der Farben geschieht nicht wie bei anderen Malern auf der Palette, sondern auf der Leinwand bzw. Aluminiumplatte.

Ganz anders die Bilder seiner Lebensgefährtin Liliane Tomasko. Wenn ihr etwas fremd ist, dann ist es geometrische Klarheit, und auch die Ungegenständlichkeit der Bilder von Sean Scully teilt sie nicht..

Betttücher, Kleider, achtlos drapiert, waren der Ausgangspunkt für ihre frühen Bilder – allerdings in bräunlich-weiß changierenden Farbtönen fast wie reine Malerei auf die Leinwand gebracht, dass der Weg bereits in Richtung Abstraktion weist, eine Abstraktion, die sie dann immer weiter verfolgte. Das Resultat sind Farbkompositionen, die kaum mehr Ähnlichkeit mit Textilien haben und doch immer wieder Assoziationen in diese Richtung hervorrufen, an Tigerfelle zum Beispiel. Doch rückt sie diesen Oberflächen derart dicht zuleibe, dass sie wie rein abstrakte Muster wirken.

Für Aquarelle der jüngsten Zeit scheint sie die Stoffe geradezu durch ein Mikroskop zu betrachten: Da lösen sich einzelne Fasern auf, als dünne Linien aufgetragen, vage sind Farbflächen zu erkennen. Zehn Jahre nach ihrer ersten Einzelausstellung schien sie dort angelangt zu sein, wo ihr Lebensgefährte Scully sich bereits seit vierzig Jahren künstlerisch bewegt – in der Abstraktion.

Doch abermals täuscht der Eindruck, denn Liliane Tomasko ist immer noch ihren Anfängen verhaftet, wie ein Video zeigt, auf dem sich wie von Zauberhand geschichtet Stoffe übereinander legen. Und Fotografien von Scully zeigen, dass selbst seine so geometrisch cleane Kunst der frühen Jahre nicht reine Kopfgeburt eines Geometers sind. Auch er hat sich von der Realität inspirieren lassen, die ihn umgab. Das waren die Häuserschluchten und Straßenzüge von New York, das waren Türen, Fenster in Hausfassaden. Scully hat solche Wände fotografisch festgehalten und gezeigt, wie geometrisch unsere Lebenswelt sein kann. Sah seine Malerei wie eine Weiterführung eines mondrianschen Prinzips aus, so war sie doch stets auch sehr wirklichkeitsnah. Konstruktivistische Abstraktion und Gegenstandswelt sind nicht unvereinbar, wie er zeigt, und Kleider und Bettdecken nicht unvereinbar mit malerischer und zeichnerischer Abstraktion, wie Liliane Tomasko zeigt.

beide  | both. Sean Scully + Liliane Tomasko“, KUNSTWERK, Eberdingen, bis 22.12.2017. Katalog 84 Seiten, 12 Euro

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