Benjamin – Gion Antoni Derungs‘ Josephslegende bei der Jungen Oper Stuttgart

Sie zählt nicht zu den kürzesten Erzählungen in der Bibel, die Geschichte um den jungen Joseph, dessen Brüder auf ihn neidisch sind, weil der Vater ihn zum Liebling erkoren hat, und den sie nach Ägypten in die Sklaverei verkaufen und dem Vater als tot melden, aber auch sie nimmt nur rund ein Dutzend Seiten ein – im Unterschied zu Thomas Mann, der daraus ein Epos von weit über tausend Seiten machte. Als Oper in der Vertonung des Schweizers Gion Antoni Derungs dauert sie achtzig Minuten, anrührende Minuten, aber auch verstörende. Die Junge Oper, vor zwanzig Jahren an der Oper Stuttgart eingerichtet, um jungen Musikern erste professionelle Bühnenerfahrung zu ermöglichen, vor allem aber, um das Phänomen Oper einem jungen Publikum (dem Publikum der Zukunft) nahezubringen, hat die 2006 entstandene Oper nun in deutscher Erstaufführung auf die Bühne gebracht.

Ibrahima Biaye (Benjamin). Foto: Christoph Kalscheuer

Drei Leitern ragen im Hintergrund in den Bühnenhimmel – Regisseur Neco Çelik hat sich von Stephan von Wedel einen minimalistischen Spielraum gestalten lassen, auf dem er subtil mit symbolischen Anspielungen arbeitet. So zitieren die Leitern das Bild von Jakobs Himmelsleiter, über die hier Benjamin auf die Bühne herabsteigt, der jüngste Spross Jakobs und nach dem vermeintlichen Tod von Lieblingssohn Joseph nun des greisen Vater besonderer Stolz. Derungs‘ Oper sieht für ihn keinen einzigen Ton vor – wie er ja auch in der Bibel nicht zu Wort kommt – und hat für diese Rolle einen Tänzer vorgesehen. Ibrahima Biaye intensiviert mit seinen geschmeidigen Bewegungen den archaischen Charakter dieser Oper.

Derungs‘ Musik ist geprägt von der Volksmusik seiner rätoromanischen Heimat, weshalb die Oper denn auch über große Strecken in dieser Sprache gesungen wird, ergänzt durch lateinische, italienische und deutsche Passagen. Es ist eine Musik, die changiert zwischen Volksmusik und gregorianischem Gesang, zwischen Madrigal und Sprechgesang. Mit den zahlreichen Wiederholungen hat sie etwas fast Schamanisches an sich. Auf Instrumente wird ganz verzichtet, Derungs hat ein im wahrsten Sinne des Wortes Menschendrama geschaffen – und es geht um die großen Themen: Heimat und Fremde, Integration und Ausgrenzung, Hass und Liebe, und Neco Çelik lenkt den Blick auf diese Elemente durch ein fast statisches Bühnengeschehen. Der Boden ist mit Sand bedeckt, der Chor zieht anfangs in einer Reihe darüber, ein Haus, angedeutet durch wenige Stangen, ist fragil – Sinnbild des Karawanenlebens der Nomaden. Nur die Ägypter haben feste Behausungen. Immer wieder treten Joseph und Benjamin wie Zwillinge untrennbar miteinander auf – beide Lieblingssöhne Jakobs.

Thomas Herberich (Pharao).  Foto: Christoph Kalscheuer

Derungs‘ Werk ist geprägt von Parallelitäten. So lässt er Vater Jakob und den Pharao von einem Sänger gestalten – mit sonorem Bass präsentiert Thomas Herberich beide als weise Patriarchen; die Sänger, die drei Brüder Josephs verkörpern, schlüpfen in Ägypten in die Rollen von Gelehrten, die Joseph der Lächerlichkeit preisgibt – jeweils Antipoden des Helden. Neco Çelik führt diese Parallelität weiter: Joseph wird von den Brüdern in eine Zisterne geworfen, in Ägypten kommt er ins Gefängnis, in Çeliks Inszenierung wird er jeweils in dieselbe Öffnung im Bühnenboden geworfen. Er trägt dieselben langen rotblonden Haare wie seine Mutter Rahel, die bei Benjamins Geburt starb – kein Wunder, dass Jakob in ihm seine Frau zu erkennen glaubt. Mit seinem hellen Tenor kann Philipp Nicklaus ideal den jugendlichen Helden verkörpern. Auch diese Parallelen intensivieren den oratorischen Charakter des Werks. Als Joseph vom Pharao zum Berater ernannt wird, erhält er die drei Mäntel umgehängt, die zuvor den Beratern des Pharaos gehörten – Parallelen über Parallelen wie in der biblischen Erzählung auch.

Am Ende klettert Benjamin wieder jene Leiter hinauf, die Jakob in einem Traum als Verbindung zwischen Himmel und Erde erschienen ist – so wie Derungs‘ Oper geistliches Oratorium und opernhafte Erzählung verbindet. Derungs bezeichnete sie als Oper für alle, die Junge Oper für ein Publikum ab 14, doch ob Jugendliche in diesem eindringlichen, gleichwohl statischen Stück die notwendige Faszination sehen, die sie dem Phänomen Oper nahebringen könnte, ist fraglich, die nächsten Wochen werden es erweisen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.