Von der Fläche in den Raum: Lothar Quinte und Sibylle Wagner

Künstlerehen sind ein besonderes Phänomen, denn hier kommen neben persönlicher Beziehung künstlerische Mentalitäten in enger Nähe zueinander, was nicht unbedingt gedeihlich sein muss. Paula Becker fühlte sich neben Otto Modersohn alles andere als frei und glücklich, Gabriele Münter stand im Schatten von Wassili Kandinsky, und Lee Krasner spielte in ihrer Ehe mit Jackson Pollock eher die Muse und entfaltete sich erst nach seinem Tod wieder freier in ihrer Kunst. Das Museum Art.Plus in Donaueschingen präsentiert eine Paarung, die trotz eines sehr großen Altersunterschieds offenbar sehr viel harmonischer verlief. Sibylle Wagner, Jahrgang 1952, trat neben ihrer Malerei vor allem mit Installationen und Plastiken hervor, ihr Mann Lothar Quinte, Jahrgang 1923, ging ganz in der Malerei auf.

2013, weit über zehn Jahre nach dem Tod ihres Mannes, schuf Sibylle Wagner eine Hommage an den Partner – ein Kissen aus Bronze, von der Form her ganz realistisch gestaltet, sodass man meint, gerade eben habe noch der Kopf des Partners darauf gelegen. Ein solcher Realismus findet sich bei ihr auch in anderen Arbeiten in dieser Ausstellung. Eine ganze Reihe von „Nabelstücken“ liegen einzeln auf hohen Ausstellungssäulen, auch sie realistisch, es könnten Körperabdrucke sein, und doch wirken sie in ihrer Ausschnitthaftigkeit zugleich fast schon abstrakt – ein organisch sich erhebendes und quellendes Etwas. Sie aber versteht solche Objekte als Symbole – für Weiblichkeit, für Körpergefühl, nennt solche Plastiken denn auch Eva. Wenn sie solche Objekte mit Bleistift auf Papier zeichnet, dann werden die Assoziationen noch abstrakter: Atmen heißt ein solcher graphischer Zyklus.

Verglichen mit den Arbeiten ihres Mannes ist das allerdings immer noch sehr konkret, denn Quinte verweigerte vielen seiner Gemälde jeglichen Titel, oder er bezeichnete mit seinen Titeln genau das, was er auf der Leinwand zuwege gebracht hatte:

Schwarzlasur geteilt – nichts anderes ist zu sehen, nur Farbe, die sich als Farbgeschehen auf der Leinwand ausgebreitet hat, man ist versucht zu sagen wie von selbst, als habe der Maler nur die Initialzündung gegeben für ein dann sich automatisch vollziehendes Geschehen. Quinte malte in den 60er Jahren die Farbbahnen parallel über die Leinwand, übermalte mit anderen Farben; wie viele Farbschichten ein Bild ausmachen, kann man an den Rändern noch ablesen, zur Bildmitte hin aber ergibt sich ein diffuses Farbenspiel, das den Betrachter in sich hineinzuziehen vermag. Es sind ruhige, geradezu enigmatische Bildflächen, die sich bei längerer Betrachtung nach vorn zu wölben scheinen. Aus dem zweidimensionalen Bild wird ein Farbkörper, ein Farbkissen, dem Gebilde, das seine Frau dem Künstler zum Gedenken schuf, gar nicht so unähnlich.

Quintes Malerei bleibt flächig, wirkt aber beim Betrachten räumlich – ganz so wie die Arbeiten seiner Frau. Sibylle Wagner präsentierte ihre Serie zum Thema Atmen hinter roter transparenter Folie, so werden aus Graphitzeichnungen Farbräume. Diese Räumlichkeit ist ein wesentliches Merkmal ihrer Kunst. So hat sie den Fotoprint eines langen Küchenmessers in einen Plexiglaskasten platziert: Der Gegenstand auf dem Foto ist eindeutig ein richtiges Messer, hergestellt in Solingen, wie die Gravur verrät, doch scheint das Objekt im Raum zu schweben und wirkt magisch verzaubert.

Ein anderes Mal hat sie einen rot strahlenden Plexiglaskasten so gestaltet, dass man meint, es gehe ein Schnitt quer durch den Raum und bewegt sich damit wieder in die Richtung, die ihr Mann in den späten 60er Jahren einschlug. Da verließ er die diffuse Farbfläche, griff zum Lineal und brachte in die farbigen Bildflächen weiße oder grell farbige „Schlitze“ ein.

Das sind keine echten wie bei einem Lucio Fontana, sie wirken aber so. Hatten sich seine Bilder davor scheinbar nach vorn gewölbt, so meint man nun, sie gäben den Blick in eine Welt hinter der Leinwand frei, alles natürlich rein virtuell.

So begegnet man in der Ausstellung einem Künstlerpaar, das grundsätzlich verschiedene Gestaltungsformen verfolgte, dessen Arbeiten aber im Geiste so weit voneinander nicht entfernt zu sein scheinen. Es geht um Transzendenz – bei Quinte um Überschreitung der Grenzen von Farbe und Fläche, bei Sibille Wagner um Überführung von Zeichnung und Fotografie in Lichtmagie und virtuelle Räume.

Lothar Quinte – Sybille Wagner: Wechselblick“. Museum Art.Plus, Donaueschingen bis 8.10.2017. Katalogheft 5 Euro

Ein Gedanke zu „Von der Fläche in den Raum: Lothar Quinte und Sibylle Wagner

  1. sibylle wagner

    Sehr geeehrter Herr Zerbst,

    Ihren Namen kannte ich von Günter Wirth her, der Lothar Quinte und mich zusammen mit Renate Bienzle damals in unseren Winterateliers in Goa besuchte, 1991 denke ich..
    Nun freue ich mich umso mehr als Sie die Ausstellung in Donaueschingen besucht haben und so sensibel und genau geschaut haben. Die Verschränkung unserer beider Themen habe ich so speziell noch nicht vertextet gesehen: eine Textur, die mir einleuchtet und meine Arbeit ehrt.
    Hier meine website noch, sibylle-wagner.de, falls Sie mehr sehen wollen oder -hiermit- eine herzliche Einaldung in mein Berliner Atelier, falls Sie mal in die Hauptstadt fahern.

    Gute Zeit für Sie und vielen Dank

    Sibylle Wagner

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