Zwischen Kirche und Individuum – die Malerin Käte Schaller-Härlin in der Kunststiftung Hohenkarpfen

Wer sich heute die Studentenlisten der Kunstakademien ansieht, wird auf mindestens ebenso viele Frauen wie Männer treffen, das war keineswegs immer so im Gegenteil: Die Emanzipation der Frau war ein langer und steiniger Weg, und das gilt erst recht für die Kunstwelt. Die Frau hatte ihren Platz am Herd und nicht an der Staffelei. Wollte sie studieren, musste sie sich mit einem Platz an einer Damenakademie begnügen, der Zutritt zu den Kunstakademien war Frauen bis ins 20. Jahrhundert hinein verwehrt, und an diesen speziellen Akademien, von denen es im 19. Jahrhundert in Deutschland gerade einmal drei gab, mussten sie im Vergleich zu den männlichen Studierenden an einer offiziellen Kunstakademie das Zehnfache bezahlen. Das alles ist nachzulesen in einer Monographie über die Stuttgarter Malerin Käte Schaller-Härlin, die erste über eine Frau, die trotz solcher Widrigkeiten ihren Platz in der Kunstgeschichte fand und dennoch heute allenfalls ein Geheimtipp ist. Eine Ausstellung in der Kunststiftung Hohenkarpfen bietet einen Überblick über ihr umfangreiches Schaffen.

Selbstbildnis in Mädrigen, 1937. Privatbesitz

Streng blickt sie uns entgegen: 1937 porträtierte sich die Künstlerin selbstbewusst, zielsicher und kritisch – und sie hatte dazu guten Grund. Längst war sie mit zahlreichen Fresken und Glasfenstern in Kirchen ihrer Heimat bekannt geworden, hatte sich zudem als Porträtmalerin einen Namen erarbeitet – und eine entsprechende Klientel.

Gelernt hatte sie an der Münchner Damenakademie, und hatte dort das Glück, zum Teil dieselben Lehrer zu haben, die auch ihre männlichen Studienkollegen an der Kunstakademie unterrichteten. Käthe Kollwitz schrieb über ihre eigene Zeit an dieser Akademie, dass das freie Leben und die Kunst sie gleichermaßen geprägt hätten. Ähnliches dürfte auch für Käte Härlin zugetroffen haben, die 1911 den Stuttgarter Kunsthändler Hans Otto Schaller ehelichte – nach längerer Bedenkzeit, denn ihre Kunst wollte sie nicht aufgeben, sie blieb bis an ihr Lebensende ihr Elixier, in der Kunststiftung Hohenkarpfen ist ein spätes Porträt zu sehen, das sie im hohen Alter von 90 Jahren schuf. Aber auch ihre Rolle als Mutter war ihr wichtig, so porträtierte sie sich 1923 zweimal: Einmal als Malerin mit drei Pinseln in der Hand, einmal als Mutter mit ihrer Tochter auf dem Schoß.

Kinderbildnis Barbara, 1948. Privatbesitz

Ab den 20er Jahren war sie eine der begehrtesten Porträtmalerinnen in Stuttgart. Ein Blick auf die Bilder zeigt, worauf diese Popularität basierte: Käte Schaller-Härlin ging ganz auf die Porträtierten ein, erfasste ihr Wesen und gestaltete sie in charakteristischen Körperhaltungen. Das gelang ihr vor allem bei Kindern, die sie wie in Momentaufnahmen auf die Leinwand brachte.

Das Selbstporträt von 1937 lässt uns aber nicht nur in ihr Selbstverständnis Einblick nehmen, es zeigt auch, wie sie ihre Kunst verstand – als ständige Auseinandersetzung mit der Kunstgeschichte und mit den großen Künstlern ihrer Zeit. Das Porträt verrät den Einfluss eines Ferdinand Hodler, ein Apfelstillleben den von Cézanne, auch Böcklin hat sie inspiriert zu einer Frühlingsallegorie, und dennoch entwickelte sie ihren ganz eigenen Stil, der dem Betrachter die Porträtierten menschlich nahebringt. Besonders eindrucksvoll gelang ihr das Porträt des Architekten Martin Elsaesser – vielleicht, weil sie ihm viel zu verdanken hatte, denn sie arbeitete an mehreren Projekten mit ihm zusammen. Elsaesser spielte im Zuge der um 1900 einsetzenden Reformierung der protestantischen Kirchenarchitektur eine wesentliche Rolle. Er baute Kirchen, Käte Härlin, spätere Schaller-Härlin gestaltete die Fenster und Fresken, obwohl diese Tätigkeit als Männerdomäne galt.

Entwurf für die Passions- und Ostertafel der evangelischen Stiftskirche Faurndau, o. J.. Privatbesitz

Insgesamt sieben Kirchen gestaltete die Künstlerin – u.a. in Baden-Baden Lichtental, Holzelfingen, Oberesslingen – und entwickelte auch hierbei ihren ganz eigenen Stil, der wie in ihrer Porträtmalerei von großen Vorbildern geprägt war, von Giotto ebenso wie von Adolf Hölzel. In der Kunststiftung zeugen von diesen Einflüssen Entwürfe und Kartons, die aber auch deutlich machen, wie sie ihren eigenen Weg fand, hin zu einer persönlich anrührenden Gestaltung, weshalb etwa in Holzelfingen für jede der dort vertretenen Figuren die Modelle unter der Bevölkerung identifiziert werden konnten; auch Elsaesser wurde so verewigt.

1913 beendete sie mit der Evangelischen Stadtpfarrkirche in Stuttgart-Gaisburg diese Phase ihres Schaffens, möglicherweise wegen einer Lungenerkrankung.

So zeigt die Ausstellung eine Künstlerin, die selbstbewusst unter widrigen Umständen ein eigenständiges Oeuvre aufbaute, das auch heute noch fasziniert, und die begleitende Monographie von Carla Heussler schlägt zugleich ein Kapitel Sozialgeschichte der deutschen Kunst um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert auf.

Ein Leben an der Staffelei. Käte Schaller-Härlin zum 140. Geburtstag“, Kunststiftung Hohenkarpfen bis 12.11.2017. Die Monographie von Carla Heussler: 192 Seiten, 19.95 Euro

Ein Gedanke zu „Zwischen Kirche und Individuum – die Malerin Käte Schaller-Härlin in der Kunststiftung Hohenkarpfen

  1. Oda Friedheim

    Guter Artikel — Danke.
    Ich habe ein Poträt das Käte Schaller-Härlin von meiner Mutter gemalt hat. Meine Mutter Leonie hat damals eine Lehre beim Kunsthaus Schaller gemacht und auf diese Weise sich mit der Tochter Sibylle befreundet. Ich habe dadurch Käte Schaller-Härlin auch einmal auf dem Rotenberg besucht. Außerdem viele Sommer in Mädrigen verbracht.

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