Weit mehr als bloße Nahrungsaufnahme: Essen und trinken in Japan

Reis und Sushi, das ist für uns Deutsche der Inbegriff der japanischen Küche, und so stehen die beiden Speisen denn auch im Zentrum einer Ausstellung im Stuttgarter Lindenmuseum – und wenn man sich die zahlreichen (wiewohl lediglich in Plastik nachgebildeten) traditionellen Sushigerichte betrachtet, kann einem das Wasser im Mund zusammenlaufen.

reisanbau__ono_bakufu__1950__inv-nr-_oa-26546__copyright_linden-museum_stuttgart__foto_a-_dreyer-700x492                  Reisanbau, Ono Bakufu (1888 – 1976) © Linden-Museum Stuttgart, Foto: Anatol Dreyer

Doch schon bei diesem Beispiel japanischer Kulinarik muss man umdenken, denn gilt bei uns Sushi als Fischrezept par excellence, so zählt Sushi in Japan zu den Reisgerichten, schließlich ist Reis ja auch rein quantitativ der Hauptbestandteil dieser kleinen Happen. So verwundert es dann kaum mehr, dass Reis in Japan eben nicht wie bei uns(parallel der Kartoffel und der Nudel) zu den „Sättigungsbeilagen“ zählt, sondern das Hauptnahrungsmittel ist. holzschnitt_der_zehnte_monat__utagawa_toyokuni__um_1802__copyright_linden-museum_stuttgart__foto_a-_dreyer-474x700

Der Monat ohne Geister. Utagawa Toyokuni (1769-1825?) © Linden-Museum Stuttgart, Foto: Anatol Dreyer

Ein Farbholzschnitt um 1800 zeigt zwei Herren, vor denen auf kleinen Tischchen Schalen mit Gemüse und Fisch angerichtet sind. Es sind kleine Schalen im Unterschied zu dem großen Topf, aus dem im Vordergrund eine Frau Reis für die Gäste portioniert – der Reis ist schon mengenmäßig immer der wichtigste Bestandteil der Mahlzeit, und er wird als einziger Bestandteil aus einem für alle gemeinsam angerichteten Topf geschöpft.

Dennoch war Reis, so lernt man in einer der ersten Vitrinen der Ausstellung, keineswegs immer das Hauptnahrungsmittel der Japaner. Reis war jahrhundertelang so kostbar wie Gold, diente den Herrschern als Zahlungsmittel für die Samurai; die Bauern mussten sich mit Hirse und anderen billigeren Getreidearten begnügen. Bei ihnen kam Reis allenfalls zu hohen Festtagen wie Neujahr auf den Tisch. Da hatte Reis denn auch keineswegs nur eine nährende Funktion. Alljährlich übernahm kein Geringerer als der Kaiser die Zeremonie des ersten Vorkostens der neuen Reisernte und reihte sich damit in die Ahnengalerie der Götter ein. Der Normaljapaner tat dies mit den aus dem hierfür beliebten Klebreis gebackenen Reiskuchen, den Mochi, aus denen Kultobjekte hergestellt wurden, die kagami mochi, die sich in ihrer Form an die runden Metallspiegel in den Shintotempeln anlehnten, die als vorübergehende Wohnsitze der Götter galten. Und wer keinen Reiskuchen gebacken hat, holt sich diese Tradition in Form von Dekorationsgebilden aus Stoff ins Regal, die mit einer nachgebildeten Garnele, dem Symbol für hohes Alter, sowie getrockneten Khakipflanzen, die ebenfalls für Alter stehen, kombiniert wurden.

Das Essen in Japan ist mehr als reine Nahrungsaufnahme, auch die Erstverkostung des neuen Sakejahrgangs, der, wie könnte es anders sein, ja auch aus Reis gewonnen wird, wurde mit einer Zeremonie begangen.

In die Niederungen des Alltags führt dann die Vitrine mit den Gerätschaften zur Reisegewinnung – vom Dreschflegel über die Worfel, eine Schaufel aus Bambus und Bastgeflecht, mit der der Reis zur Trennung von Korn und Spelzen in die Luft geworfen wird, und einem Fächer, der den zu dieser Trennung nötigen Wind erzeugt.

Doch die Japaner sind nicht nur eine Reis-, sondern auch eine Nudelnation, auch wenn die beliebteste Nudel ein Import aus China war, der allerdings mithilfe von Bambussprossen und Fischpastete dem japanischen Geschmack angepasst wurde – und als solches japanisches Gericht nun wiederum auf dem chinesischen Festland zu finden ist. So wandern Kulturen hin und her.

Welchen zeremoniellen Charakter Essen und Trinken in Japan annehmen kann, zeigt die Teezeremonie, die mehrere Stunden währt; da verblüfft es dann doch, dass Japan auch das Land ist, in dem die Instantnudel erfunden wurde.

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Albernheiten zu hanami. Kawanabe Kyosai (1831 – 1889) © Linden-Museum Stuttgart, Foto: Anatol Dreyer

Und wie Zeremonie und ausgelassenes Volksfest zur Einheit gebracht werden kann, zeigen die zahlreichen Picknicks, zu denen sich Japaner in Massen zusammenfinden – vorgeblich, um etwa die Kirschblüte zu bewundern, in der Hauptsache aber, so legt der eine oder andere Holzschnitt zu diesem Phänomen nahe, Anlass zu alkoholseligem Feiern zu bieten, denn ohne Sake geht dabei nichts (der allerdings heute nicht selten durch Bier abgelöst wurde, so ändern sich die Zeiten und Gebräuche).

Oishii! Essen in Japan“, Lindenmuseum Stuttgart bis 23.4.2017, Katalog 224 Seiten, 24,90 Euro

 

Zu dieser Ausstellung findet sich auf Youtube ein Film von Horst Simschek und mir

 

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