Zwischen Abstraktion und Realismus – die Alltagswelt auf den Bildern von Cornelius Völker

Vor 25 Jahren malte Cornelius Völker eine Tafel Schokolade – ein auf zwei Meter groß, dabei extrem ralistisch. Die Stückchen der Tafel schienen sich reliefartig dem Betrachter entgegenzustrecken, die Oberfläche glänzte, sodass man am liebsten gleich seine Zähne in die süße Verführung versenken wollte – hätte diese Schokoladentafel nicht etwas Unnatürliches an sich gehabt. Zu perfekt wirkte der Glanz, zu glatt die Oberfläche. Je länger man vor einem solchen Bild stand, und das Gleiche traf auf andere Bilder dieses Künstlers wie dem einer Damenhandtasche zu, fragte man sich unversehens: Wie hat er das gemacht, wie konnte er das Auge derart täuschen.

Es war das alte Phänomen der Trompe-l’oeil-Malerei, nur dass diese Augentäuscherei, wie sie die Niederländer im 17. Jahrhundert perfekt beherrschten, sich eben mit der Augenwischerei begnügte, Völker aber stets mit kleinen Hinweisen deutlich macht, dass hier Kunst, ja Künstlichkeit am Werke ist, nicht Natur. So übertrieb er den Glanz der Schokolade – und unversehens mutiert das realistische Porträt einer Süßigkeit zu einem letztlich abstrakten Bild in der Hard Edge-Tradition der 60er Jahre, und weil die Schokoladenstückchen sich auch noch dreidimensional nach vorn zu wölben scheinen, zugleich zu einem Gemälde in der Tradition der Shapes Canvasses.

Gelegentlich „zerstört“ Völker die realistische Illusion auch durch kleine „Fehler“, leichte Farbwischer, die deutlich machen: Das ist nicht Fotografie, sondern Malerei.

In der Städtischen Galerie in Bietigheim zeigt er nun das, was er lange Jahre im Verborgenen gehalten hatte – Arbeiten auf Papier. Auch hier finden sich jene „banalen“ Dinge des Alltags, die seine Malerei prägen: Tabletten, Flaschen, Frauenfrisuren mit Dutt, angenagte Äpfel. Gerade Letztere scheinen das Gegenteil dessen zu sein, was er mit seiner Ölmalerei dem Auge vorgaukelt. So hat Cornelius Völker angebissene Äpfel dargestellt, Mll oder ausgelaugte Teebeutel, diesmal mit Aquarellfarbe auf Papier – und das Ergebnis fällt diametral anders aus. Während man bei der Tafel Schokolade erst nach längerer Betrachtung den Blick auf den rein abstrakten Umgang mit der Farbe richtet, meint man hier zunächst, eine abstrakte Farbskizze vor sich zu haben, ehe man dann, gelenkt durch den Titel, das eigentliche Motiv erkennt. Dieses Changieren zwischen dargestelltem Motiv und der Art und Technik der Darstellung zieht sich durch das ganze Schaffen von Cornelius Völker.

Zugleich eignet sich die Arbeit auf Papier für das Motiv des Apfelrestes oder des Teebeutels ideal, denn hier löst sich das Motiv in reine Farbwirkungen auf. Völker porträtiert gern das, was in unserer auf Hochglanz ausgerichteten Alltagskultur gern unterdrückt wird: Das Hässliche, das Unschickliche. So finden sich Männer, die die Hosen herunter lassen – oder gerade anziehen, Völker lässt Dinge gern in der Schwebe. Sprotten scheinen sich wie die Apfelreste nahezu in reine Farbeffekte aufzulösen – und sind doch beim zweiten Blick als kleine Heringe erkennbar.

Immer wieder bringen Völkers Bilder den Betrachter auf Assoziationen mit früheren Epochen der Kunstgeschichte. Bei einem Bild mit einem überdimensional aus nächster Nähe gemalten üppigen Frauenmund samt darüber befindlichen Nasenlöchern denkt man an Kinoplakate der 50er Jahre, an Pop Art, an die Malerei der Jungen Wilden, sogar an Karikaturen – und das alles bei einem einzigen Bild.

So kommt man möglicherweise gerade vor den Arbeiten auf Papier dem Wesen seiner Malerei näher als bei den Ölgemälden. Wenn er etwa Frauenköpfe von hinten gestaltet, alle mit einem altmodischen Dutt auf dem Kopf, der so gestylt wirkt, als seien die Damen soeben unter der Trockenhaube des Coiffeurs hervorgekommen, dann dient zwar jeder Pinselstrich der Gestaltung des Haarschmucks, aber zugleich ist jeder Pinselstrich doch auch nichts anderes als eben ein farbiger Pinselstrich.

In einer Serie mit Cocktailgläsern platziert er seine realistisch gemalten Motive nicht vor einen realistischen Hintergrund, sondern vor einen rein abstrakten, mit dickem Pinsel
aufgetragenen rechteckigen roten, grünen oder blauen Farbfleck – zwischen gegenständlicher Darstellung und abstraktem Umgang mit Farbe besteht letztlich, so die Botschaft seiner Bilder, kaum ein Unterschied, es ist eine Frage der Betrachtung, der Fokussierung des Blicks.

Aus Grün werde Salat, aus Salat werde Grün, meinte ein Kunstkritiker einmal treffend zu diesem Changieren zwischen Motiv und Darstellung; das, was der Kritiker über Cornelius Völkers Lehrer Dieter Krieg formulierte, trifft auch auf Völker zu. Während sich bei Krieg tatsächlich die Dinge in reine Malerei auflösen, bleibt Völker allerdings näher am Motiv – und fordert so den Betrachter ständig zur Reflexion über grundsätzliche Fragen auf: Was ist ein Gemälde? Welche Funktion hat die Farbe auf einem Bild? Dient sie der Darstellung eines Gegenstandes oder ist der Gegenstand lediglich Anlass zum Malen? Wer sich Völkers Bildern mit diesen Überlegungen genähert hat, dürfte künftig die ganze Kunstgeschichte mit anderen Augen sehen – hoffentlich.

Wunder der sofortigen Schönheit. Cornelius Völker“, Städtische Galerie Bietigheim-Bissingen, Hauptstraße 60-64, 74321 Bietigheim-Bissingen, bis 28.3.2016

Horst Simschek und ich haben auf Youtube über Cornelius Völker einen Film veröffentlicht

https://www.youtube.com/watch?v=Fi91NKGfOwE

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