Liebesfreud ist Liebesleid? Henry Purcells „Fairy Queen“ in Stuttgart

Schon die Uraufführung bereitete Probleme. Henry Purcell hatte zu Shakespeares „Sommernachtstraum“ eine umfangreiche Musik geschrieben, keine richtige Oper, aber mehr als nur ein wenig Schauspielmusik – teuer also, weil man ein Schauspiel- und ein Opernensemble braucht. In Stuttgart haben sich jetzt beide Sparten der Württembergischen Staatstheater zusammengetan – unter der Regie des gelegentlich als blutrünstiger Berserker bekannt gewordenen Calixto Bieito.

thefairyqueen_foto_julian_roeder_8095

Foto: Julian Roeder. Württembergische Staatstheater

Es beginnt mit einer Hochzeit, und weil die in Shakespeares Stück gar nicht vorgesehen ist – allenfalls als Zukunftsmusik für die Akteure hinzugeträumt werden kann, nachdem der Vorhang über dem „Sommernachtstraum“ gefallen ist -, hat Regisseur Calixto Bieito sie vor den eigentlichen Theaterabend gesetzt, als Präludium im Foyer.

Shakespearefans könnten bei dem, was dann folgt, die Nase rümpfen, denn Bieito hat bei Shakespeares Dramentext radikal den Rotstift angesetzt – mit gutem Grund, denn sonst hätte seine Inszenierung nicht drei, sondern gut fünf Stunden gedauert. Überhaupt ist er sehr frei mit der Dramenvorlage umgegangen, nicht nur mit dieser Hochzeit, die das Happy End an den Anfang stellt – eine von zahlreichen geistreichen Spielereien mit den Dramenkonventionen, die diesen Abend prägen. Die Feierlichkeit beispielsweise wird von Elfenkönig Oberon als einer Art Brautvater angeführt – der nun wahrlich nicht der Spezialist in Sachen glücklicher Ehe ist, weshalb seine Gattin denn auch die Feier abrupt beendet mit dem Hinweis, dass nicht alles so happy enden müsse, wie es beginne.

Das Brautpaar – Hermia und Lysander – ist übrigens das einzige, das Bieito von Shakespeares Liebesirrungen und -wirrungen übrig gelassen hat. Außerdem hat er das Theaterstück gestrichen, das die Handwerker für die Brautleute spielen – herbe Verluste für eingefleischte Shakespearefans. Dafür aber gelang ihm ein fantastisches, über weite Strecken magisch anmutendes Spiel. Angesiedelt ist das alles in einer Art modernem shakespeareschem Globetheater aus Plexiglas, das zugleich an eine Disco unserer Tage erinnert. Hoch oben thront das Orchester unter dem vorzüglichen Dirigenten Christian Curnyn.

Bieito konzentriert sich auf das Dreiecksverhältnis in Shakespeares Komödie: Hermia liebt Lysander, soll aber nach Wunsch ihres Vaters einen anderen heiraten; Lysander wiederum wird von Helena verehrt, zunächst ohne Erfolg. Durch einen Zaubertrank bringt nun Puck, der koboldhafte Gehilfe Oberons, die Gefühle durcheinander. Durch die starken Kürzungen kann man die komplizierte, verwickelte Handlung des Stückes zwar nicht immer ganz nachvollziehen, doch ist das auch nicht notwendig, denn Bieito geht es vor allem um die Liebe in all ihren Facetten: Liebesglück und Liebesleid, Sex und Begierde, Ablehnung und Feindschaft.

Dafür hat er eine Fülle von anspielungsreichen Bildern erfunden.thefairyqueen_foto_julian_roeder_8451 Hirschgeweihe stehen

Foto: Julian Roeder. Württembergische Staatstheater

für den Gehörnten; wenn Purcell in vier Songs die Jahreszeiten vor dem geistigen Auge des Theaterbesuchers vorüberziehen lässt, macht Bieito den Wetterwechsel mittels einer Gruppe von Strandbesuchern sinnfällig: vom anfänglichen Sonnenbad in Kleidern über Schwitzkuren ohne Kleider, unter herbstlichen Winden und eisigen Stürmen; wenn Oberon seiner Gattin Titania ein Schauspiel vorführen will – eben jenes, das bei Shakespeare die Handwerksburschen einüben -, zieht er aus der Requisitentasche erst einen riesigen Gummipenis, dann ein heißes Höschen – und zitiert bei seinem „Kleidungswechsel“ Macbeth („Ist dies ein Dolch?“) und Hamlet („Rein oder Nichtrein, das ist hier die Frage“).

Bieito hat ein szenisches Kondensat der intensiven Gefühle auf die Bühne gebracht – immer wieder von dem von einer Schauspielerin verkörperten Puck durcheinander gewirbelt: Maja Beckmann macht ihn durch ihr komödiantisches Spiel über weite Strecken zur Hauptfigur. Der von ihr gespielte Kobold animiert den Dirigenten, endlich weiter zu machen, die Figuren, sich neuen Partnern zuzuwenden, sie schäkert mit einem Mann im Publikum und ist verzweifelt, wenn ihr Zaubertrank nicht das bewirkt, was sie sich vorgestellt hat – ein Vergnügen in jeder Sekunde. Der Gesang kommt, wie von Purcell vorgesehen, von allegorischen Figuren wie der Nacht, dem Frühling oder der Verschwiegenheit.

Purcell hatte Shakespeares theatralische Szenen jeweils durch Maskenspiele ergänzt. Das hielt die szenische Handlung immer wieder über weite Strecken an. Bieito gelingt es aber durch seine Kürzungen, dramatischen Text und Musik nahtlos miteinander zu verzahnen.

thefairyqueen_foto_julian_roeder_9340

Foto: Julian Roeder. Württembergische Staatstheater

Auf diese Weise schuf er eine völlig neue Oper, ohne dass der Charakter von Purcells „Fairy Queen“ verloren gegangen wäre. Bei ihm gibt es keine Ruhephase, der Liebesreigen wird von Minute zu Minute toller, Liebesglut und Liebeswut immer heißer. Sinnfälliger und sinnenpraller lässt sich der Liebeswahn, den Shakespeare für die Bühne erdacht hat, nicht mehr inszenieren und spielen, und wenn der Eindruck nicht täuscht, haben alle ein Riesenvergnügen dabei – die Zuschauer, die Akteure und vermutlich auch die beiden Theaterintendanten, die solches ermöglicht haben.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.