Zwischen Artistik und Poesie: Das Bayerische Junior Ballett München auf der Bühne des Nationaltheaters

Seit zehn Jahren gibt es das Bayerische Junior Ballett München. Es ist eine wichtige Einrichtung, gibt sie doch jungen begabten Tänzern, die ihre Ausbildung absolviert haben, Gelegenheit, zwei Jahre lang Erfahrung in ihrem künftigen Beruf zu machen, obwohl sie noch keine feste Stelle an einem großen Haus haben. Vergleichbare Juniorballette gibt es auch in Frankfurt, Zürich und Dortmund. Welches künstlerische Potential sich dahinter verbirgt, kann man derzeit im Internet verfolgen, denn coronabedingt konnte ein neuer Ballettabend des Bayerischen Junior Balletts auf der Bühne des großen Staatsballetts im Nationaltheater nur als Stream dargeboten werden, der allerdings bis 3.3.2021 im Rahmen der Montagsstücke des Staatstheaters abgerufen werden kann.

Hélian Potié, Phoebe Schembri © Wilfried Hösl

Und es lohnt sich, ihn abzurufen. Zum Auftakt hat Jörg Mannes für die Compagnie eine große Herausforderung choreographiert: Unsterbliche Geliebte. Die Basis: Beethovens 4. Klavierkonzert, das Thema: eines der großen Leiden des Komponisten, die unglückliche Liebe. So kann man, vor allem im langsamen Satz, nacherleben, wie eine Frau zwischen zwei Männern steht. Das artet nicht in Feindseligkeit aus; Mannes hat sehr intime Personenkonstellationen erfunden, in denen sich Nähe, aber auch Entfernung zwischen Menschen ausdrücken. Ähnliches findet sich auch in anderen Passagen seiner Arbeit wieder, wenn sich Tänzer immer wieder kurz in die Augen sehen, ehe sie dann in andere Sphären abdriften.

Doch viel wichtiger als dieser inhaltliche Aspekt ist der rein musikalische von Mannes Stück. Minutiös folgt er mit den Bewegungsabläufen den musikalischen Prozessen. Zu den raschen Läufen des Klaviers rasen die Tänzer genau choreographiert in Reihen über die Bühne, lassen sich nicht selten nach hinten fallen, ehe sie sich zur Seite wenden, und man spürt hautnah die fast überbordende Begeisterung der jungen Tänzer. Dagegen stehen Momente des Verharrens, des Innehaltens. Das ist eine genaue Entsprechung der Musik, aber keine bloße Repetition. Schon den Anfang des Konzerts setzt Mannes präzise und sehr humorvoll um. Die Akkorde des Solisten sind ja nicht viel mehr als die klingende Visitenkarte des Pianisten, und so lässt Mannes keck eine Tänzerin vor den Vorhang schlüpfen und ihn ein wenig beiseite ziehen – ein Entree zum großen tänzerischen Geschehen, das dann folgt. Es ist ein Ballett, das mit seinen Ensembleszenen und den intimen Intermezzi, vor allem mit den raffinierten Hebefiguren, in Erinnerung bleiben wird.

Das nicht zuletzt auch dank Phoebe Schembri. Ihr, die am Bayerischen Staatsballett Volontärin ist, hat Mannes eine Art Hauptrolle gewidmet, und es ist faszinierend, wie ausdrucksstark sie mit jeder Faser ihres Körpers agiert. Sie braucht sich nur langsam in die Arme eines Partners sinken zu lassen, kann ruhig in einer Hebung verharren und ist doch in einem Grad präsent, der zeigt, dass ihr eine große Zukunft auf der Tanzbühne beschieden sein kann.

Das zeigt sich auch im zweiten Stück des Abends, Stimmenstrahl Trio, in dem sie eindeutig die weibliche Hauptrolle innehat. Es ist ein Stück für drei Tänzer, in dem Maged Mohamed nach eigenem Bekunden mit der Idee der Trinität spielt – die sich aus drei Individuen zusammensetzen kann, die aber auch als eine enge Einheit verstanden werden kann.

Jacopo Iadimarco, Phoebe Schembri, Camillo Lussana © Wilfried Hösl

Durch Lichtkegel werden hier raffiniert solche unterschiedlichen Einheiten der drei Tänzer auf der Bühne definiert. Gelegentlich hält der Tanz in erregenden Figurenkonstellationen inne. Da wird Tanz fast zur komplexen künstlerischen Skulptur, und Phoebe Schembri erfüllt diese Anforderungen mit ihren beiden Partnern Jacopo Iadimarco und Camillo Lussana mustergültig. Es ist eine ganz andere Tanzsprache als bei Mannes, was ihre Wandlungsfähigkeit zeigt.

An Ausdruck mangelt es allerdings auch der zweiten Tänzerin bei Mannes nicht, Anna Greenberg, gleichfalls Volontärin am Staatsballett. Ihr hat Mannes eine ganz andere Rolle zugedacht. Ist Phoebe Schembri eher die introvertierte, poetische Gestalt, die in Hélian Potié einen idealen Partner für diesen Ausdruck hat, zeichnet sich Anna Greenbergs Part eher durch kecke Lebendigkeit aus. Wenn zum Beginn des dritten Satzes von Beethovens Konzert Phoebe Schembri in sich versunken am Boden liegt, gibt ihr Anne Greenberg einen verspielten kleinen Schubs, auf dass das große Finale beginnen kann.

Anna Greenberg © Wilfried Hösl

Allerdings hat Anna Greenberg nicht das Glück, wie Phoebe Schembri einen fulminanten zweiten Part choreographiert zu bekommen, denn was Martina LaRagione in ihrem Stück UnHeaven auf die Bühne bringt, ist zwar durchaus auch virtuos, gemischt mit in sich gekehrten poetischen Momenten, doch Gelegenheit zum großen Auftritt haben die einzelnen Tänzer hier weniger, zumal der Teppich aus Federn am Boden die Präzision von Bewegungen eher kaschiert, als dass er wie durch die Lichtkegel bei Maged Mohamed geradezu plastisch herausgemeißelt würde. Zudem zeigt sich, dass sich gerade ein solches „Bühnenbild“ live doch besser übermittelt als auf dem Monitor.

Doch auch dieses dritte Stück des Abends fasziniert – und erlaubt eine Begegnung mit der Musik des ganz jungen Carl Orff, die so ganz anders ist als seine spätere eher archaisch anmutende Klangsprache. Und das Juniorballett hat gezeigt, dass es fulminanten Tanz in einem abendfüllenden Programm auf die Bühne bringen kann.

Der Ballettabend ist noch bis 3.3.2021 mit einem Tagesticket für 4.90 Euro abrufbar:

https://operlive.de/montag12-bjbm/

 

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