Zwischen Innen und Außen: Die Tür aus Sicht der bildenden Künstler

Türen sind letztlich stets eine Sache der Perspektive. Man kann durch sie einen Raum, ein Haus betreten, aber auch verlassen. Türen trennen das Innen vom Außen, sie verbinden aber zugleich auch beide Bereiche, sie grenzen, weil man sie verschließen kann, das Private vom Öffentlichen ab, ermöglichen aber zugleich auch, dass beide Bereiche miteinander verschmelzen. Über diese Janusnatur des Phänomens kann man sich derzeit in der Städtischen Galerie in Bietigheim-Bissingen Gedanken machen, denn sie zeigt, was die Tür an Assoziationen bei Künstlern unserer Zeit ausgelöst hat: Keine Schwellenangst.

Simon Schubert, Tür, 2012 (Ausschnitt), Mixed Media

Mit diesem Perspektivenspiel beginnt denn auch die Ausstellung. Das Entree zu ihr wird durch eine massive altmodische schwarze Tür versperrt, gebaut von Simon Schubert. Nun gut, eine Tür ist dazu da, einen Raum, in diesem Fall die Ausstellung, zu betreten. Doch diese Tür lässt sich nicht öffnen. Mehr noch. Wir stehen, wiewohl noch vor der Ausstellung, in die wir hineinwollen, an der Innenseite der Tür, denn hier befindet sich der Türspion, und blickt man hindurch, sieht man nicht etwa die Ausstellung wie sonst die vor der Tür Wartenden, sondern eine Waldszene. Die Tür wird zum Paradoxon, zum Geheimnis.

Zum Paradox, wenn auch in gegensätzlicher Richtung, ist das kleine weiße Gebäude, das Angelika Wischermann konstruiert hat, eine Art Zimmer mit lauter Türen, aber die Türen sind nicht dazu da, in den Raum aus weißen Wänden einzutreten, denn der ist so klein, dass man sich darin kaum aufhalten kann, ja es lassen sich nicht einmal alle Türen gleichzeitig öffnen, sie sind nur dazu da, hinein- und gleich wieder hinauszugehen, der Raum ist ein Durchgangszimmer, so der Titel der Arbeit. Das Aberwitzige dieser Türenwelt zeigt ein Video, in dem mehrere Menschen ständig den Raum durch eine Tür betreten und gleich wieder durch eine andere verlassen.

Paradox ist auch die Tür von Mathieu Mercier. Sie ist mit einer Edelstahlplatte überzogen, insinuiert also besonders guten Schutz etwa für Tresorräume, doch diese Tür lehnt nur schräg an der Wand. Sie hat zwar Angeln, an denen man sie in einen Türrahmen einhängen könnte, aber weder Klinke noch Schlüssel, nur zwei Löcher dafür.

Ist das also eine Tür? Was macht eine Tür aus? Die Exponate dieser Ausstellung regen an, alltäglich Vertrautes zu hinterfragen. Reicht schon ein Schlüsselloch, wie es Simon Schubert in einem Würfel vereinzelt hat – ganz gewiss nicht, obwohl doch gerade das Schlüsselloch sprichwörtlich mit Bedeutung aufgeladen ist. Der Blick durch ein solches offenbart vielleicht Geheimnisse wie die siebte Tür in Herzog Blaubarts Burg, zu der dessen neue Gemahlin zwar einen Schlüssel hat, die sie aber nicht öffnen sollte. Schaut man durch das Schlüsselloch von Simon Schubert, sieht man – eine Tür, zwar geöffnet, aber nur einen Spalt, also alles andere als offen. Und was erregt mehr Neugier als eine nur einen Spalt weit geöffnete Tür.

Trine Søndergaard, Interior #38, 2017

Trine Søndergaard fotografierte solche Türen in verlassenen dänischen Herrenhäusern. Was verbirgt sich hinter solchen Türen? Leben gewiss nicht mehr. Im Unterschied zu der ebenfalls nur einen Spalt geöffneten Tür in einem Video von Ene-Liis Semper. Helles Licht dringt durch den Spalt, man geht unwillkürlich einen Schritt nach links, um durch den Spalt schauen zu können, aber das funktioniert natürlich bei einem Video nicht, und dann fährt man jäh zurück, eine Gestalt nähert sich – und schließt die Tür. Dunkelheit umfängt uns, und damit Schrecken. Wir scheinen eingesperrt –

– ein Schicksal, das der Maler Ben Willikens in seiner Jugend erleben musste. Die Folge: Als Erwachsener malte er Anstaltsbilder – Szenerien des psychischen Schreckens, am düstersten wohl das Bild mit einem Schlüsselbund. Darüber steht der Hinweis auf eine Zimmerflucht mit den Zimmernummern 111-127. Man bräuchte also 17 Schlüssel, am Schlüsselbundring hängen jedoch etliche mehr; für welche Türen sind sie? Bei der Arbeit von Hubert Kostner mit dem Titel Lost & Found sehen wir eine Tür im Miniaturformat und davor Tausende von Schlüsseln. Welcher davon mag für die Tür passen? Denkt man bei Ben Willikens an das Eingeschlossensein, so hier an das Gegenteil, das Ausgeschlossensein.

Innen und außen als Kehrseiten der Medaille namens Tür. No exit heißt ein Video von Mirjam Kuitenbrouwer. In einem Türrahmen setzt sich eine Frau auf eine Schaukel, an deren Unterseite wir, während die Frau schaukelt, Begriffe wie DEAD END, NO EXIT erkennen, immer wieder andere. Am Ende verlässt die Frau den Raum, der Türrahmen mit der Schaukel statt der Tür markiert, was eine Tür eben tut, die Grenze zwischen innen und außen. Was wie ein Kinderspiel wirkt, ist zugleich eine Schreckensvision mit den Ängsten, die das Innen ebenso in sich bergen kann wie die Welt da draußen.

Beide können sich sogar zu einer Einheit verbinden. Mithilfe einer Camera obscura brachte Marja Pirilä auf ihren Fotos beide Sphären zur Deckung. Das Resultat – eine Traum-, ja sogar Alptraumwelt.

Eckart Hahn, Haunt, 2011

Wie auch die hinter den Schranktüren von Eckart Hahn. Sie sind weit geöffnet, aber man wünschte sich, sie wären geschlossen, denn die Welt im Schrank gleicht einem Schauerszenarium eines Edgar Allan Poe. Die Arbeit heißt denn auch Haunt – Spuk. Ausgekleidet ist der Schrank mit schwarzen Federn – von Poes legendärem, in einem Gedicht besungenen Raben? Aus den Federn ragt ein goldenes Händepaar. Schnell die Tür zu und lieber die Türen von Patrick Hughes öffnen. Sie tun es sogar einladend von selbst, wenn man an seinem großen Reliefgemälde vorübergeht, und wenn sie sich öffnen, atmet man frische Meeresbrise – Freiheit, da wird die Tür auch einmal grenzenlos.

Keine Schwellenangst! Die Tür als Motiv in der Gegenwartskunst“, Städtische Galerie Bietigheim-Bissingen bis 24.1.2021

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