Zwischen Provinz- und Weltgeltung: Die Genese des Kunstmuseums Stuttgart

Mit Werken von Willi Baumeister, Otto Dix, Dieter Krieg, Ben Willikens ist das Kunstmuseum Stuttgart ein Haus von internationalem Rang. Sie alle eint jedoch, dass sie mit dem deutschen Südwesten verbunden waren oder noch sind, sei es durch Herkunft, sei es durch ihr Wirken. Und das Museum betont denn auch diesen regionalen Aspekt, auch wenn das Haus mit Künstlern wie Rebecca Horn, Josephine Meckseper oder Michel Majerus wichtige rein internationale Positionen in seinen Aktivitäten berücksichtigt. Der regionale Bezug hat einen Hintergrund, wie jetzt eine Ausstellung im Museum belegt: Der Traum vom Museum „schwäbischer“ Kunst – eine Ausstellung, in der die vergleichsweise kurze Zeit des „Dritten Reichs“ eine bedeutende Rolle spielt.

Fritz Ketz, BDM-Mädel, 1940 Foto: Frank Kleinbach, Stuttgart

Sie hatten offenbar viel mit der Kunst im deutschen Südwesten vor, die Nazis, so viel, dass weit über die Grenzen der Region offenbar allseits davon ausgegangen wurde, dass es so etwas wie ein „Museum schwäbischer Künstler“ gäbe. Ein Sammler aus Gießen wollte jedenfalls 1942 seine Sammlung einem solchen Institut vermachen, wie Kai Artinger, der Provenienzforscher des Kunstmuseums, herausfand. Ein solches Museum aber gab es nicht, es gab allenfalls eine im Besitz der Stadt Stuttgart befindliche Sammlung. Deren Schwerpunkt freilich waren in der Tat Künstler aus der Region, und das hatte einen Grund, der mit den Nazis nichts zu tun hatte. Die Keimzelle der städtischen Kunstsammlung war die Schenkung, die der italienische Marchese Silvio della Valle di Casanova der Stadt zukommen ließ, eine Sammlung schwäbischer Impressionisten. Das war 1924, und unter den Künstlern befanden sich Namen wie Pleuer, Zundel, Reiniger. Die Stadt verpflichtete sich sogar, Teile davon öffentlich zu zeigen, woraus aber nichts wurde. Stattdessen zierten die Bilder die Amtstuben.

Was die Nazis nicht davon abhielt, einen solchen Museumstraum zu hegen. Weit über zweitausend Kunstwerke wurden während der nur zwölf Jahre zwischen 1933 und 1945 angekauft, weit mehr als davor und auch als in den Jahrzehnten danach. Hinter einer solchen Anstrengung könnte man ideologische Gründe vermuten, den Aufbau einer nationalsozialistisch gesonnenen Kunstsammlung, und tatsächlich finden sich Bilder, die der verordneten Ideologie frönen. So malte Fritz Ketz 1940 das BMD-Mädel, als solches deutlich erkennbar an der Armbinde mit dem entsprechenden Abzeichen und dem braunen Hemd. Auch Titel wie Landsers Sonnenaufgang oder die Schnitterin mit Kind könnte man als Loblied auf Deutschtum und Blut und Boden deuten, doch die beiden letztgenannten Aquarelle hätten gut und gern auch schon Ende des 19. Jahrhunderts ohne jeglichen nationalsozialistischen Hintergrund entstanden sein können; „Nazikunst’“ im eng ideologischen Sinn findet sich erstaunlich wenig, und die Gutachten zu Ankäufen, die in Auswahl in einer Vitrine ausgestellt sind, sprechen denn auch nicht von nazikonformen Inhalten, sondern ausschließlich von der Qualität der Arbeiten, so subjektiv solche Gutachten auch sein mögen.

Einen ideologischen Aspekt freilich kann die von den Nazis angelegte Sammlung nicht verleugnen, einen Hang zur Naturschilderung, man könnte auch sagen zur deutschen Scholle, zum deutschen Wald. Gerade den schwäbischen Künstlern trauten sie offenbar eine besondere Begabung in dieser Richtung zu, weshalb Kai Artinger als Entree zur Ausstellung in Petersburger Hängung Dutzende solcher Landschaftsbilder präsentiert. Darunter befinden sich qualitativ fragwürdige bis kitschige Bilder wie eine Köhlerhütte im tiefen dunklen Tann. Es finden sich aber auch hochwertige Landschaften von Fritz von Graevenitz. Der war zwar strammer Nazi (musste es wohl auch sein, denn er war Akademiedirektor in Stuttgart), aber in seine Kunst drang keinerlei Parteigesinnung.

Franz Heinrich Gref, Erinnerungen im Herbst, 1941 Frank Kleinbach, Stuttgart © Nachlass Gref

Auch stilistisch ist das Spektrum erstaunlich. Es finden sich Anklänge an den Impressionismus wie bei einem Landschaftsbild von Franz Heinrich Gref. Es finden sich scherenschnittartig abstrahierte Palmenlandschaften, wie sie auch nach 1945 bei PopArt-Künstlern denkbar wären. Selbst das BDM-Mädel von Ketz ist malerisch alles andere als das, was sich andernorts (offenbar außerhalb von Stuttgart) Nationalsozialisten als ideale Kunstausrichtung gewünscht hätten. Und allzu optimistisch, gar von Ideologieoptimismus durchtränkt wirkt das Mädchen auch nicht. Es finden sich sogar Arbeiten, die eine Mischung aus Neuer Sachlichkeit und Kubismus aufweisen wie ein Schwäbisches Dorf von Theodor Werner, das bereits 1933 in die Städtische Sammlung gelangte.

Theodor Werner Schwäbisches Dorf, 1927 Öl auf Leinwand 60 x 74 cm Kunstmuseum Stuttgart Foto: Frank Kleinbach, Stuttgart

Selbst die Fixierung auf die Landschaft als Hauptmotiv ist keine Erfindung der Nazis, so konstatiert Kai Artinger in seiner umfassenden Studie zur Geschichte des Kunstmuseums zwischen 1933 und 1945, auf der die Ausstellung basiert; schon im 19. Jahrhundert pries man die angebliche Liebe der Schwaben zur Landschaft.

Die Konzentration auf schwäbische Kunst begann mit der Schenkung Casanovas also bereits vor den Nazis – und setzte sich nach 1945 fort. Eugen Keuerleber, der die Sammlung in der inzwischen gegründeten Galerie der Stadt Stuttgart von 1961 bis Mitte der 80er Jahre leitete, verschaffte ihr zwar einen Ruck in Richtung Internationalität, machte Otto Dix zum Zentrum seiner Sammeltätigkeit, blieb dabei aber dem Regionalitätsgedanken treu, Dix lebte damals schon seit Jahrzehnten am Bodensee. Und Keuerleber bekannte sich zur schwäbischen Ausrichtung, wie ein Zitat an der Wand der Ausstellung zeigt, legte aber zugleich die Anfänge zu einer internationalen Ausrichtung, wie sie dann von seinem Nachfolger Johann-Karl Schmidt intensiviert wurde und vollends nach Gründung des Kunstmuseums Stuttgart als Nachfolgeinstitution der Städtischen Galerie von dessen Leiterinnen Marion Ackermann und Ulrike Groos weitergeführt wurde.

Entscheidende Erkenntnis der Studie von Artinger und seiner Ausstellung ist, dass es einen radikalen Bruch in der Kunst ab 1933 nicht gegeben hat, auch wenn es natürlich ausgesprochene Parteikunst gab. In Stuttgart ist davon freilich kaum etwas zu spüren – vielleicht ein glücklicher Zufall, auch wenn die Qualität so mancher Landschaftsbilder, die zwischen 1933 und 1945 angekauft wurden, zumindest aus heutiger Sicht fragwürdig ist. Doch das ist eine andere Geschichte.

Der Traum vom Museum ’schwäbischer‘ Kunst“, Kunstmuseum Stuttgart bis 1.11.2020. Die Studie zur Geschichte des Kunstmuseums im Nationalsozialismus: 303 Seiten, 29,- Euro

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