Zwischen Realität und Fiktion: Zeitgenössische Blumenfotografie in der Galerie Stihl

Für Ausstellungen in der Galerie Stihl in Waiblingen sollte man viel Zeit mitbringen. Dafür wird man neben dem üblichen Kunstgenuss belohnt mit einer Vielzahl an kunsthistorischen, kulturgeschichtlichen und -theoretischen Informationen, die aus dem Besuch einer Kunstausstellung ein umfassendes kulturelles Erlebnis machen. So hatte die Kuratorin Barbara Martin vor einigen Monaten in einer Ausstellung über die französische Plakatkunst des 19. Jahrhunderts jedes Exponat mit einem umfangreichen Text versehen, den es zu lesen lohnte, und auch in der neuen Ausstellung, die sie mit der Kunsthistorikerin Stephanie Buck erarbeitet hat, führen die Texte weit über das rein sinnliche Erlebnis hinaus, und das ist reichhaltig genug, geht es doch um Blumen in der Fotografie.

Und ein Augenschmaus ist gleich die erste Abteilung, die sinnigerweise mit „barocker Opulenz“ betitelt ist, und was Luzia Simons mit Tulpen vor schwarzem Grund an Farbenpracht und Detailfülle hervorzaubert, erinnert an das, was die niederländischen Meister im 17. Jahrhundert in ihren Stillleben mit dem Pinsel hervorbrachten, nur dass Simons ihre Blüten nicht malt, auch nicht fotografiert, sondern scannt. Ganz anders, wenngleich nicht weniger opulent, sind die Blütenkompositionen von Margriet Smulders, die allerdings nicht wie Simons mit extremer Bildschärfe arbeitet, sondern mit Unschärfe: Ihre Blütenpracht scheint ineinander zu fließen, als ob die Blumen in einem Gewässer ständiger Bewegung ausgesetzt wären.

Doch bedarf es nicht der farblichen Opulenz. Schon in den 20er Jahren hat Imogen Cunningham Blüten in ihrer ganzen Sinnlichkeit fotografisch festgehalten, allerdings schwarzweiß, was ihrer Pracht keinerlei Abbruch tut. Wenn sie eine Calla vor schwarzem Grund in grellem Weiß aufstrahlen lässt, hat das eine körperliche Sinnlichkeit sondergleichen und beschränkt sich nicht auf florale Pracht, hier schwingt stets auch Erotik mit, wie auch bei den ebenfalls schwarzweißen Fotos von Robert Mapplethorpe, bei dem es einerlei ist, ob er nackte menschliche Körper in ihrer Sinnlichkeit erfasst oder Blüten.

Doch kann Sinnlichkeit auch leicht umkippen in ihr Gegenteil, denn Schönheit ist vergänglich, wie Thomas Florschuetz mit seinen in Nahaufnahme fotografierten Rosen zeigt, die bereits Spuren des Welkens aufweisen. Vollends morbide wird das dann, wenn Amin El Dib die Blüten bereits kurz vor der Verwesung zeigt und die Schlieren im Wasser hervorhebt. Aber auch Vergänglichkeit kann ihre Reize haben in einer Art dekadentem, morbidem Prunk, bei dem auch welkende Blütenblätter eine überwältigende Farbenpracht entfalten können.

Das alles zeigt die Fotografie immer noch weitgehend bei ihrer verbreitetsten Aufgabe: die Realität perfekt abzubilden. Aber Fotografie, und hier entwickelt die Ausstellung eine zweite Dimension, ist eben nicht nur Wiedergabe, sie ist, zumal in der Hand eines Künstlers, stets auch Gestaltung. Das ist manchmal kaum zu erkennen. So hat Hiroyuki Masuyama scheinbar einfach eine Blumenwiese fotografiert und in einem Leuchtkasten von hinten illuminiert präsentiert. Doch bei genauerem Hinsehen entdeckt man, dass es sich um eine Collage aus unzähligen unterschiedlichen Fotografien handelt von Blüten, die zu unterschiedlichen Jahreszeiten blühen. Was wie ein Stück Realitätswiedergabe wirkt, ist hochgradig konstruiert und somit fiktional.

Auch Kai-Uwe Schulte-Bunert hat scheinbar reale Blumen fotografiert, doch in Wirklichkeit sind sie Konstrukte aus Pappmaché, Holz, Draht und anderen Materialien, künstliche Blumen also, die wie echte wirken. Dieter Huber hat Distelblüten auf Baumzweige montiert und so einen Kommentar zum Thema Genmanipulation geliefert. Und selbst wenn ein Künstler scheinbar die Systematik alter Botaniklehrbücher nachahmt, stolpert man doch über Pflanzen, die es gar nicht gibt.

Und noch einen Themenstrang gibt es in der Ausstellung, die damit den zwei Titelwörtern voll und ganz gerecht wird – aufgeblüht und abgelichtet: So manche Arbeiten zeigen, was die Fotografie alles vermag, wie eine ungewohnte Perspektive vertraute Pflanzen wie unbekannte Wesen erscheinen lässt, wie extreme Nahsicht oder auch nur die Schatten einer Blüte die Realität verzaubern, ja sie vollkommen unerkennbar werden lassen, dass Fotografie Wiedergabe und Konstruktion in einem ist, ein Widerspruch, der in einem Widerspruch der Natur sein Pendant findet, dem des Seins und Vergehens, des Stirb und Werde.

aufgeblüht & abgelichtet. Blumen in der Fotografie“, Galerie Stihl, Waiblingen bis 26.8.2019. Katalog 92 Seiten, 17,95 Euro

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