Die Kunst des Schattens – Rembrandt und seine Folgen in England

Kaum eine Technik ermöglicht derart dünne Linien wie die Radierung, doch wenn der Graphiker mit seiner dünnen Nadel Flächen gestalten will, stößt er bald an die Grenzen dieses Mediums, denn nur mit Tricks vermag er den Eindruck einer schwarzen Fläche zu erzielen, durch dichte Schraffuren dünner Linien. Das änderte sich erst, als Ludwig van Siegen 1642 die sogenannte Schabkunst entwickelte, die Mezzotinto, bei der die Metallplatte zunächst vollständig aufgeraut wird, sodass sich im Druck eine gleichmäßige schwarze Fläche ergibt. Für die helleren Partien wird dann die aufgeraute Platte abgeschabt und poliert. Eine Ausstellung in der Staatsgalerie Stuttgart demonstriert, warum diese Technik sehr schnell populär wurde, vor allem in England, wo die Porträtkunst die Malerei beherrschte.

sgs_grs_watson_a19805883_001_sneuneuJames Watson nach Joshua Reynolds, Sir Jeffery Amherst, 1766. Staatsgalerie Stuttgart

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Graphik mit dem Fotoapparat – Albrecht Fendrich und der Rottweiler Testturm

Die Stadt Rottweil kann zwei Superlative für sich beanspruchen: Sie ist die älteste Stadt Baden-Württembergs und besitzt mit dem siebzig Meter hohen Kapellenturm dem Urteil des Kunsthistorikers Georg Dehio zufolge den „schönsten Turm zwischen Prag und Paris“. Nun kommt ein dritter Superlativ hinzu, und der Kapellenturm erhält, zumindest was die Höhe betrifft, Konkurrenz in einem Turm unserer Tage: dem ThyssenKruppTestturm für Aufzüge mit insgesamt 246 Metern Höhe. Die Bauarbeiten während der letzten zwei Jahre hat im Auftrag des Landkreises Rottweil ein Mann mit dem Fotoapparat begleitet, Albrecht Fendrich. Das Resultat ist freilich alles andere als eine Dokumentation eines Turmbaus von heute.

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                                                              Turm und Stadt bei Nacht

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Das Haus als Maß aller Dinge – der Bildhauer Werner Pokorny

Man nehme ein Quadrat und setze darauf ein Dreieck – fertig ist ein Haus, jedenfalls in seiner rudimentären, dafür aber von jedem sofort erkennbaren Form. Seit Jahrzehnten widmet sich der Bildhauer Werner Pokorny diesem Phänomen, und er beschränkt sich auf die Grundform, wie sie von jedem Kind zu Papier gebracht werden kann. Gerade diese Reduktion aber ist die Quelle einer Vielfalt, die er im Lauf der Jahre in Holz und Stahl diesem Motiv abgerungen hat. Eine Ausstellung in der Stuttgarter Galerie Schlichtenmaier zeigt die Verästelungen, die seine Fantasie ausgehend von dieser Grundform entwickelt hatpokorny_pokorw_s_158-001-o_onaus                                Stamm/Haus, 1982 © Werner Pokorny /VG Bild-Kunst, Bonn 

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Zwischen Alltag und Abstraktion: Der Bildhauer Karl Ulrich Nuss

Strümpfelbach im Remstal könnte auch Nussdorf heißen, denn der hier lebende Bildhauer Karl Ulrich Nuss hat vom Ortskern bis hinauf in die Höhen der Weinberge über vierzig Plastiken aufgestellt – von seinem Vater Fritz Nuss, seinen Enkeln, vor allem aber von sich selbst. Da finden sich Gestalten aus der Mythologie wie die „Daphne“, deren nach oben gereckte Arme zu Baumzweigen mutieren, witzige Figuren wie der „Späher“, der hoch auf einer Säule hockt und ins Remstal blickt, und immer wieder Figuren wie du und ich, ein „Zeitungsleser“ beispielsweise.

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Das bisschen Haushalt … „Desperate Housewives?“ in der Städtischen Galerie Villingen-Schwenningen

Man sollte meinen, dass in der Welt der Kunst, die sich ja gerne der Avantgarde verschreibt, gesellschaftliche Entwicklungen früher Einzug halten als im Rest der Gesellschaft – wie etwa der Gedanke der Gleichberechtigung. Doch noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts war an den Akademien für Frauen kein Platz, und noch vor kurzem meinte Georg Baselitz, Frauen könnten nicht malen. Vor Jahrzehnten schon haben Frauen ihre eigene Stellung in der Gesellschaft zum Thema erhoben; so stellte Rosemarie Trockel schon vor dreißig Jahren ihre Werke aus „typisch weiblichen“ Materialien wie Strickwaren her. Eine Ausstellung in der Städtischen Galerie in Schwenningen macht deutlich, dass auch im 21. Jahrhundert das Thema an Relevanz nicht verloren hat. „Desperate Housewives?“

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              Maria Ezcurra, The Perfect Housewive’s Wardrobe, Burral. Fotografie, 2008

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Zwischen Mensch und Kosmos – der Künstler Hans-Werner Stahl

Geheimnisvolles Licht strahlt im Raum. Es scheint aus dem Nichts zu kommen oder aus fernen Welten und gibt dem Betrachter Rätsel auf. Allerdings muss der Raum dunkel sein, der Betrachter sich in einer schwarzen Höhle befinden; bei Tageslicht verschwindet das Phänomen, da steht man vor farbenfrohen Gemälden, wie man sie von einem Maler erwartet: gemalt mit Pinsel und Farbe. Hans-Werner Stahl mischt seiner Farbe Partikel bei, die bei normaler Beleuchtung unsichtbar sind, bei Schwarzlicht aber ihr farbiges Eigenleben entwickeln.

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Ein Haus der Stille und der Kunst: Die Gratianus-Stiftung Reutlingen

Mit vollem Namen hieß er Flavius Gratianus und war von 375 bis 383 Kaiser im Westen des römischen Reiches. Er zeichnete sich vor allem durch die Förderung der Künste aus – aber nicht das war der Grund, weshalb die Malerin Gabriele Straub und ihr Mann Hanns-Gerhard Rösch ihre Kunstsammlung unter seinem Namen in eine Stiftung umwandelten. Die Villa, in der sie der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird, befindet sich eben in der Gratianus-Straße in Reutlingen. Die Stiftung entstand kurz nach der Jahrtausendwende – und wer sie besucht, taucht ein in eine Welt der Stille, der Meditation, der Ästhetik.

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Raimer Jochims. „Lascaux“. 1989

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Philosophie der archaischen Form: Der Bildhauer Jürgen Knubben

Idyllischer kann es kaum mehr sein: Mitten in einem Wäldchen vor den Toren von Rottweil hat sich Jürgen Knubben ein Refugium zugelegt. Vor Jahren hatte er dort ein ehemaliges Militärgelände erworben und als erstes eine riesige Werkhalle errichten lassen, danach ein modern designtes Wohnhaus – und einen Park gestaltet, in dem weitläufig seine Skulpturen verteilt sind, durchweg aus Stahl, durchweg rostig. Das verleiht dem Metall etwas Fragiles, geradezu Lebendiges und ist zugleich symbolisch zu interpretieren – wie alles, was dieser Künstler tut.

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Zwischen Schein und Wirklichkeit – Norbert Stockhus

Kleine Häuschen, die Welt im Miniaturformat – da fühlt man sich zurückversetzt in die Zeit des Biedermeier oder die der großen alten flämischen Meister. Aus dieser Welt könnte auch ein großes Gemälde stammen, das der Kreis Rottweil in Auftrag gegeben hatte. Hunderte von Häusern sind da liebevoll porträtiert, eine alte Stadt – die älteste von Baden-Württemberg: Rottweil. Doch das Bild ist nicht Jahrhunderte alt, sondern gerade einmal wenige Wochen. Vier Jahre hat Norbert Stockhus daran gemalt – und auf den zweiten Blick erkennt man unschwer, wie bei allen Bildern dieses Meisters im Umgang mit dem Pinsel, dass es sich um ein Bild unserer Tage handelt.

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Überdauert, Ausschnitt

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Individuum oder Massenwesen: Wolf Nkole Helzles Fotokunst

Ein „Selfie“ ist ein Abbild meiner selbst, von mir hergestellt mithilfe eines Aufnahmegerätes, meist eines Smartphones. Wird ein solches Abbild von einem anderen angefertigt, nennt man das „Porträt“. Beide sollten eine Voraussetzung erfüllen: Sie sollten jeweils perfekt das Gesicht eines Menschen wiedergeben mit all seinen Eigenheiten und persönlichen Ausdrucksmöglichkeiten. Seit Jahrzehnten stellt Wolf Nkole Helzle Porträts mit dem Fotoapparat her, Zehntausende hat er so fotografisch festgehalten, in aller Welt, und doch ist er alles andere als ein Porträtfotograf.

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