Zweihundert Bilder schuf Edgar Degas zum Thema Tanz, bzw. vor allem zum Thema Tänzerin. Doch nur ein Fünftel davon zeigt die jungen Frauen bei der Aufführung auf der Bühne, weit mehr interessierte ihn die Garderobe, der Probenraum, und bei den Tänzerinnen die schleierhaften Tütüs, mehr Farbtraum als Wirklichkeit, weniger der eigentliche Tanz. Der steht im Zentrum einer Ausstellung in der Galerie Schlichtenmaier in Dätzingen: Tanz ist Verwandlung.
Archiv der Kategorie: Kunst
Landschaftliche Abstraktion. Die Graphikerin Brigitte Wagner
Es scheint in der bildenden Kunst kaum etwas Gegensätzlicheres zu geben als Landschaftsbild und abstrakte Malerei, eine ganz auf die Natur und ihre Bestandteile konzentrierte Gestaltung und das freie Spiel der Formen und Farben, und doch gibt es durchaus auch Annäherungen, vielleicht sogar Synthesen. So ist ein breiter brauner Querbalken in der unteren Bildhälfte und ein blauer darüber eine abstrakt-konstruktivistische Komposition, wird aber unversehens vom Auge als Landschaft wahrgenommen. Ein ganz anderes Widerspiel von Abstraktion und Landschaft findet sich im Schaffen der Graphikerin Brigitte Wagner.
In winterlicher Landschaft, 1965
Malereien am Himmel: Wolkenbilder von Künstlern heute
Habe die Wolke dort am Himmel nicht die Gestalt eines Kamels, fragt Hamlet den Haushofmeister Polonius, und der beeilt sich, ihm das zu bestätigen. Oder die eines Wiesels, gar eines Walfischs? Wolken, so Shakespeare in dieser Szene, können dem menschlichen Auge alles sein und sind es doch meist nur in der jeweiligen Sicht des Subjekts. Sie sind wandelbar, stets in Bewegung und scheinen doch formal greifbar, um sich im nächsten Moment wieder zu verwandeln – Symbole des wechselvollen Lebens, des unbestimmbaren Schicksals. Barbara Regina Renftle, die Kuratorin der Biberacher Stiftung S BC – pro arte hat in einem fulminanten Essay das Wolkenhafte ergründet und in der Kunstgeschichte nachgespürt, wie Wolken mal dokumentarisch, mal atmosphärisch, mal symbolisch eingesetzt wurden. Ihre Ausstellung in der Stiftung zeigt künstlerische Wolken aus unserer Gegenwart: „bewölkt“.
Bettina Bürkle, Klaus Illi, Wolkenatem, 2014/2020 © 2020 VG Bild Kunst, Bonn
„Welt-Kunst“. Fabian Knechts isolationistische Eingriffe in die Realität
1913 montierte Marcel Duchamp ein handelsübliches Fahrrad-Vorderrad auf einen Hocker und erklärte es zum Kunstwerk. Es war das erste Readymade der Kunstgeschichte. Ein Jahr darauf tat er dasselbe mit einem ebenfalls überall erhältlichen Flaschentrockner. Das war der Beginn der Konzeptkunst, und er stellte damit ganz neue Fragen zum Wesen der Kunst. Auch der 1980 geborene Fabian Knecht arbeitet mit dem, was er in der Welt vorfindet, wenn auch in ganz anderer Richtung als Duchamp. Und auch er stellt mit seinen Arbeiten grundsätzliche Fragen, mit denen der Besucher der Kunststiftung Erich Hauser in Rottweil derzeit sein Kunstverständnis hinterfragen kann.
Isolation (48°08’51.4“N 8°38’08.8“E) Fotografien bei Studio Fabian Knecht / Photographs by Studio Fabian Knecht
Zwischen Provinz- und Weltgeltung: Die Genese des Kunstmuseums Stuttgart
Mit Werken von Willi Baumeister, Otto Dix, Dieter Krieg, Ben Willikens ist das Kunstmuseum Stuttgart ein Haus von internationalem Rang. Sie alle eint jedoch, dass sie mit dem deutschen Südwesten verbunden waren oder noch sind, sei es durch Herkunft, sei es durch ihr Wirken. Und das Museum betont denn auch diesen regionalen Aspekt, auch wenn das Haus mit Künstlern wie Rebecca Horn, Josephine Meckseper oder Michel Majerus wichtige rein internationale Positionen in seinen Aktivitäten berücksichtigt. Der regionale Bezug hat einen Hintergrund, wie jetzt eine Ausstellung im Museum belegt: Der Traum vom Museum „schwäbischer“ Kunst – eine Ausstellung, in der die vergleichsweise kurze Zeit des „Dritten Reichs“ eine bedeutende Rolle spielt.
Zwischen Realität und Fantasie – die Welt des Linolschneiders Robert Förch
Für viele bedeutet der Linolschnitt eine frühe Schulerinnerung. Das Material lässt sich auch von Kinderhand leicht ritzen, die glatte Oberfläche kann zu allen Motiven genutzt werden im Unterschied zum gemaserten Holz. Aber auch große Künstler haben den Linolschnitt für sich entdeckt – Picasso, Matisse, Karl Rössing. Letzterer brachte in den 50er Jahren an der Stuttgarter Akademie dem jungen Robert Förch diese Technik so nahe, dass er ihr sein künstlerisches Leben gewidmet hat.
Ravennatischer Turm mit Vogelschwarm, 1984. Foto: Julia Lutzeyer
Kunst des Sowohl-Als auch: Constanze Vogt
Eine Zeichnung ist Flächenkunst, sie erstreckt sich über zwei Dimensionen. Eine Skulptur ist dreidimensional, greift in den Raum ein oder umfasst – etwa als Bronze – Raum. Beide Kunstformen finden sich auch im Werk der 1984 geborenen Constanze Vogt, und doch wird man vor ihren Arbeiten als Betrachter unsicher, ob das unverrückbare Gesetzmäßigkeiten sein müssen. In diesem Jahr ist sie die 17. Stipendiatin der HAP-Grieshaber-Stiftung und präsentiert vier große Werkgruppen im Reutlinger Kunstmuseum / Galerie.
Bunte Theorie. Der Konzeptkünstler Daniel Knorr
2005 durfte Daniel Knorr bei der Biennale in Venedig den Pavillon seiner rumänischen Heimat gestalten und ließ ihn – leer. Lediglich ein Buch über die Europäische Union befand sich im Raum nebst Resten vorangegangener Ausstellungen. Damit sorgte er für Unmut, aber auch für Reflexion, wollte er damit doch unter anderem auf die benachteiligte Situation Rumäniens in Europa und auf dem Kunstmarkt hinweisen – Konzeptkunst pur, eine Kunstströmung, bei der die Gestaltung eines Werks weniger wichtig ist als die dahinter stehende Idee. Nicht immer bei Daniel Knorr, wie jetzt eine Ausstellung in der Kunsthalle Tübingen zeigt.
Zwischen Natur und Technik – Blütenstillleben in der Gegenwart
Es galt, die Üppigkeit der Blumen möglichst naturgetreu wiederzugeben, und das mit Pinsel und Farbe. Die Niederländer vollbrachten dabei im 17. Jahrhundert wahre Malwunder. Doch die Zeit, in der die Malerei die Realität abzubilden hatte, ist längst Geschichte, und so sollte man meinen, ein Blumenstillleben habe in der Kunst des 20. Jahrhunderts, gar der Gegenwart, keinen Platz. Doch weit gefehlt, wie eine Ausstellung in der Galerie Schlichtenmaier zeigt, die mit einem Hesse-Zitat in ihrem Titel bewusst romantische Assoziationen heraufbeschwört. „Wie Blüten geh’n Gedanken auf“.
Das Bild vom Ich. James Halls Geschichte des Selbstporträts
Eine der schönsten und tiefgründigsten Geschichten zum Selbstbildnis findet sich in der griechischen Mythologie. Der schöne und auf seine Schönheit stolze Narziss weist alle Verehrerinnen ab, blickt eines Tages in eine Wasserquelle und verliebt sich unsterblich in sein Spiegelbild, ohne zu wissen, dass es sein eigenes Gesicht ist, das er sieht. Schließlich ist ausgerechnet das Gesicht, der Spiegel der Seele, aller Welt zugänglich, nur dem nicht, dem es gehört, zumindest nicht ohne Hilfsmittel. Kein Wunder, dass sich gerade Maler diesem Phänomen zugewandt haben, können sie doch sichtbar machen, was das Ich nicht zu sehen bekommt, allerdings im Lauf der Jahrhunderte aus unterschiedlichen Motiven heraus, wie James Hall in einer Studie nachweist: Das gemalte Gesicht.




