Spätestens seit Kandinsky hatte sich die Malerei von ihrer Bindung an die Welt der Gegenstände gelöst. Das war für die Künstler des 20. Jahrhunderts sicher eine Befreiung – zugleich aber auch eine Herausforderung, die auch als Last empfunden worden sein dürfte. Versuche, die Malerei ganz der Geometrie zu unterwerfen, zeugen davon. Die Künstler des 20. Jahrhunderts waren auf der Suche nach einer ganz eigenen Malweise jenseits der Welt, die sie vor Augen hatten – und fanden sie, fast zwangsläufig – schließlich in sich selbst: Informell nannte der französische Kritiker Michel Tapié jene Kunst, die ganz aus der künstlerischen Intuition des einzelnen schöpft. Pierre Soulages und Hans Hartung waren in Frankreich große Vertreter dieser Richtung, Gerhard Hoehme und Emil Schumacher in Deutschland – und auch der vor 100 Jahre geborene Hann Trier.
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Von der Spitze der Avantgarde zurück ins 19. Jahrhundert. Das facettenreiche Werk von Gottfried Graf
Als Richard Strauss seine „Elektra“ schrieb, ging er nach eigenem Bekunden „an die äußersten Grenzen der Harmonik“. Verglichen mit der Kühnheit dieser Komposition erscheint manchem Musikliebhaber das, was er danach schrieb, als Rückschritt – eine gewagte Hypothese sicherlich. Im Fall von Gottfried Graf aber kann man gewiss von einer solchen Kehrtwende sprechen. In den 20er Jahren hatte der Maler zu einer kühnen Formensprache gefunden, während er in den 30er Jahren zu einer eher harmlosen Landschaftsmalerei zurückkehrte.
Wiederkunft 1, 1919
Kunst aus der Not geboren: Der Druckgraphiker Hendrik Nicolaas Werkman
In den Niederlanden wurde ein Preis nach ihm benannt, hierzulande ist er weitgehend unbekannt: Der Druckgraphiker Hendrik Nicolaas Werkman. Schon als Inhaber einer Druckerei fiel seine Vorliebe für ungewöhnliche Druckästhetiken auf – ein Spiel mit Buchstaben. Daraus entwickelte sich schließlich eine avantgardistische Kunst, die zwischen figürlich und abstrakt changierte. 1945 wurde er von den Nazis erschossen, über Gründe wird heute noch spekuliert, denn er gehörte nicht dem Widerstand an. Das Spendhaus in Reutlingen zeigt jetzt eine große Werkschau.
The Next Call, 1923. KlingsporMuseum Offenbach
Expressionist mit eigenem Profil: Max Pechstein im Kunstmuseum Ravensburg
Sie wollten zu neuen Ufern aufbrechen, die Künstler, die sich 1905 unter dem bezeichnenden Namen „Die Brücke“ zusammenschlossen. Sie begehrten gegen die Konventionen auf, wollten spontan malen. Erich Heckel, Ernst Ludwig Kirchner und Karl Schmitt-Rottluff waren Gründungsmitglieder, ein Jahr danach stieß Max Pechstein zu ihnen, eigentlich ein Fremdkörper, denn er war der einzige akademisch ausgebildete Brückekünstler. Das Kunstmuseum Ravensburg widmet ihm jetzt eine Ausstellung: „Max Pechstein. Körper, Farbe, Licht“.
Die Kunst der Freiheit. Der Jazz und die bildende Kunst im Kunstmuseum Stuttgart
Wo genau der Jazz entstand, ist umstritten. Manche behaupten in New Orleans, andere wieder favorisieren New York. Auf jeden Fall stammt er aus den Randbereichen der Gesellschaft, aus den Armenvierteln der Großstädte, den dunklen Spelunken, und gespielt wurde er meist von Afroamerikanern – eine Form der Subkultur also. Das war in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts. Doch spätestens seit sich regelrechte Jazzbands oder gar -orchester gründeten, entwickelten die Musiker dieser Richtung Selbstbewusstsein – und fanden sehr bald begeisterte Anhänger, nicht zuletzt unter den bildenden Künstlern. Das Kunstmuseum Stuttgart geht nun in einer großen Ausstellung der vielschichtigen Symbiose zwischen diesen beiden Künsten nach.
Ernst Ludwig Kirchner, Negertanz, 1911. Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf. Foto: Walter Klein, Düsseldorf
Grenzgänger zwischen Kunst und Alltag. Christian Marclay in der Staatsgalerie Stuttgart
So mancher DJ von heute müsste dem Amerikaner Christian Marclay auf Knien danken, denn er soll das wesentliche Ausdrucksmittel des HipHop erfunden haben – den Turntablism. Dabei wird der Klang entweder durch Kratzen auf Schallplatten erzeugt oder durch das rhythmische Gegeneinanderdrehen zweier Schallplatten. Marclay kam um 1980 auf die Idee, weil er nach eigenem Bekunden Musik machen wollte, ohne ein Instrument zu beherrschen. Also machte er den Schallplattenapparat zum Instrument, manipulierte die Platten, zerschnitt sie und klebte sie wieder falsch zusammen. Später integrierte er solche Klänge und Objekte in Videofilme. Was inzwischen aus diesen Anfängen entstanden ist, zeigt jetzt die Staatsgalerie Stuttgart in einer kleinen Ausstellung. Im Mittelpunkt steht dabei Marclays Arbeit „Shake Rattle and Roll“ aus dem Jahr 2004.
Christian Marclay, Shake Rattle and Roll, Installationsansicht Staatsgalerie Stutgart 2004 © Christian Marclay. Courtesy Paula Cooper Gallery New York. Foto: Tweaklab
Träume aus Licht, Schatten und Bewegung. „Die Abenteuer des Prinzen Achmed“ von Lotte Reiniger
Schon als Kind bastelte sie sich ihr eigenes Silhouettenschattentheater in der Tradition der Chinesen – und damit hatte Lotte Reiniger bereits ihre spätere Berufung entdeckt. Als Teenager kam die Begeisterung für den Stummfilm hinzu, dessen Ausdrucksspektrum Georges Meliés in Frankreich durch Spezialeffekte ausweitete und der durch Walter Ruttmann und Paul Wegener in Deutschland rein abstrakt wurde. Mit beiden arbeitete Lotte Reiniger eng zusammen, während sie ihre eigene Form des Silhouettenanimationsfilms entwickelte. 1926 vollendete sie mit den „Abenteuern des Prinzen Achmed“ den ersten abendfüllenden Film dieses Genres. Jetzt zeigt das Stadtmuseum Tübingen, das Reinigers Nachlass verwaltet, zusammen mit dem Filmmuseum Düsseldorf, dem Lotte Reiniger kurz vor ihrem Tod zahlreiche Dokumente ihrer Arbeit überlassen hatte, eine umfassende, wissenschaftlich fundierte Ausstellung zu diesem epochalen Dokument der Filmgeschichte.
Lotte Reiniger, Die Abenteuer des Prinzen Achmed 1926, Filmhintergrund. Bild: Stadtmuseum Tübingen
Phantasien in Stahl. Der Bildhauer Erich Hauser im Museum Art.Plus
Wenige Bildhauer sind derart häufig im öffentlichen Raum anzutreffen wie Erich Hauser. In Frankfurt vor der Deutschen Bundesbank ragt eine Stahlplastik mit schräg nach oben ragenden Spitzen. Vor der Meistersingerhalle in Nürnberg steht eine in sich ruhende runde Stahlsäule, und vor dem Sportinstitut in Tübingen hockt in sich gekauert ein Stahlgebilde geduckt auf dem Boden. Allen gemeinsam ist das Material: Edelstahl, gemeinsam ist auch die abstrakte Form, aber bereits diese drei Arbeiten zeigen, wie unterschiedlich die Formensprache dieses Künstlers war. In Rottweil kann man das auf dem Gelände seiner Werkstatt nachvollziehen, das er zusammen mit seinen Wohnhäusern und zahlreichen Plastiken in eine Stiftung überführt hat. Jetzt präsentiert das Museum Art.Plus in Donaueschingen einen Überblick über sämtliche Phasen seiner Entwicklung.
In einer anderen Welt? Finnische Kunst von heute
Bei Finnland denkt man an das Land der 1000 Seen, an Einsamkeit, an die Musik eines Jean Sibelius. Bei Kunst fällt einem der Designer Alvar Aaalto ein, doch ansonsten ist finnische Kunst bei uns unbekannt, sieht man einmal von der Fotografie ab. Jetzt zeigt die Städtische Galerie in Bietigheim anhand von acht Künstlern Gegenwartskunst aus Finnland. „In Other Worlds“ heißt die Schau – bei der man allerdings darauf achten sollte, nicht allzu vorschnell zu interpretieren.
Aus der Ruhe des Ich. Die Kunst des Julius Bissier
Bei Kunstkennern lässt sein Name in der Regel die Augen leichten, Kunstpreise hat er zuhauf erhalten, von Berlin ebenso wie von Sao Paolo; gleich zweimal war er auf der Kasseler documenta vertreten, desgleichen bei der Biennale in Venedig, wo er sogar eine Sonderausstellung erhielt, in den Kunstlexika wird in höchsten Tönen von ihm geschwärmt – und doch ist er immer noch ein weithin Unbekannter: Julius Bissier, vor 100 Jahren in Freiburg geboren, 1965 in Ascona gestorben. Zurückgezogen arbeitete er am Bodensee, später in Ascona, seine Bilder entstanden nicht selten in den stillen Nachtstunden. „Zeichen der Stille“ heißt eine Ausstellung in der Galerie Schlichtenmaier in Stuttgart.
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