Jung und schon vollkommen: John Crankos „Klassiker“-Abend am Stuttgarter Ballett

„Cranko Klassiker“ kündigt das Stuttgarter Ballett in seinem neuen Abendprogramm an – als ob diese Compagnie nicht seit Jahrzehnten die großen Cranko-Klassiker als Dauerbrenner im Programm hätte: „Romeo und Julia“, „Eugen Onegin“, „Der Widerspenstigen Zähmung“. Was jetzt als Crankos Klassiker an einem Abend präsentiert wird, sind genau genommen Frühwerke: „Pineapple Poll“ und „The Lady and the Fool“ schuf Cranko Anfang der 50er Jahre in London – da war an eine Karriere in Stuttgart noch gar nicht zu denken, denn es gab in Stuttgart kein eigenständiges Ballett, und da war er gerade einmal Mitte zwanzig! Was nichts über die Qualität dieser beiden Stücke aussagt!

Pineapple Poll Chr: John Cranko Tänzer/dancers: Robert Robinson (Captain Belaye) mit Schülerinnen der John Cranko Schule

Pineapple Poll. Tänzer: Robert Robinson (Captain Belaye) mit Schülerinnen der John Cranko Schule

 

Von der Handlung her war es eine Petitesse, was Cranko 1951 auf die Bühne des Londoner Sadler’s Wells Theatre brachte: Die jungen Mädchen im Hafen von Portsmouth lieben Captain Belaye, so auch Pineapple Poll, die Blumen- und Gemüsehändlerin im Hafen; der Captain aber liebt nur die schöne Blanche. Das hätte in jedem Revuetheater der 50er Jahre ein kleines Intermezzo abgeben können, doch was Cranko daraus zauberte, grenzt an ein Wunder. Mit traumwandlerischer Sicherheit fand der damals erst Dreiundzwanzigjährige die treffenden Bewegungen und Tanzschritte, die nötig sind, um Figuren gleich auf den ersten Blick zu charakterisieren. Mit untergeschlagenen Armen schaukeln die jungen Damen vor verliebter Begeisterung die Oberkörper – und sind damit an der Grenze zwischen Backfisch (so sagte man damals) und angehender Dame angesiedelt. Und kaum tritt der Angehimmelte auf die Szene, schlottern allen die Knie. Cranko geht mühelos und in Sekundenschnelle vom Tanzschritt in Alltagsbewegungen über und umgekehrt. Der Frauenschwarm wiederum ist sich seiner Wirkung bewusst – und trumpft demonstrativ mit Sprüngen und Beinschwüngen auf – Tanz nicht als ästhetischer Selbstzweck, sondern als reines Charakterisierungsmittel.

Wenn Cranko zur Pantomime greift, um innere Seelenzustände zu verdeutlichen, genügen ihm wenige Sekunden. Jasper, der Schankjunge, traut sich kaum, seiner geliebten Poll in die Augen zu sehen; als er später ihr Kleid am Pier entdeckt, setzt er zu einem Tanz mit dem Ersatz für die Angebetete an, als sei er der Prinz, der am Ende seine Prinzessin in Armen halten darf – Adhonay Soares da Silva gelingt hier eine grandiose Mischung aus traumverlorener Verliebtheit und schüchterner Tollpatschigkeit.

Das Kleid konnte er nur finden, weil sich die Mädchen, um dem vergötterten Captain nahe sein zu können, als Matrosen verkleidet aufs Schiff geschlichen haben – folglich müssen die Damen vom Corps de ballet aller weiblichen Tänzergrazie entraten und sich tölpelhaft geben, wofür Cranko sie am Ende aber mit Tanzpassagen belohnt, die sonst nur den Solisten eines großen Ballettabends vorbehalten sind.

Crankos dreiviertelstündiges Ballett ist ein Feuerwerk an Esprit. Der Geschlechterrollentausch der Mädchen setzt sich auf der Ebene des Tanzes fort; da werden nicht nur die Damen von den Herren gehoben, sondern andeutungsweise auch die Herren von den Damen. Was wie ein ausgelassenes Revuestück beginnt, entpuppt sich als Meisterwerk in jeder Sekunde und in jedem Schritt – großes Ballett um die wahre Liebe (wenn auch in diesem Fall im Stil des Vaudeville) – ein Thema, das Crankos spätere Stuttgarter Karriere immer wieder begleiten sollte, sowohl in der Komödie wie in der Tragödie.

Tänzerisches Schaugebaren, wie es in „Pineapple Poll“ der Frauenschwarm Belaye an den Tag legt, findet sich auch im zweiten Stück dieses „Cranko Klassiker“-Abends, dabei haben auch in diesem Fall die Herren es nicht nötig, die Damen zu umgarnen, denn der Heiratsmarkt in diesem Stück krankt an Frauenüberschuss. Reihenweise präsentieren sich die heiratswilligen Damen den drei gutgekleideten Herren auf dem Ball der feinen Gesellschaft. Doch so wie die jungen Mädchen in „Pineapple Poll“ vergeblich den Captain anhimmeln, so vergebens sind die Bemühungen dieser Damen, die Herren zum Tanz zu bewegen – die Herren haben nur Augen für die geheimnisvolle Fremde mit Maske. Ist „Pineapple Poll“ eine heiter-witzige, zugleich aber tänzerisch subtil hintersinnige Burleske, so ist das drei Jahre danach gleichfalls für das Sadler’s Wells entstandene Ballett „The Lady and the Fool“ eine komplexe Charakter- und Gesellschaftsstudie. Es geht um den Zusammenprall von wahrer Empfindung und elegantem Kalkül, von Anmut und einstudierter Grazie, von Arm und Reich.

Cranko lässt das Stück beginnen wie ein Gemälde aus Picassos Blauer Periode,

The Lady and the Fool Chr: John Cranko Tänzer/dancers: Louis Stiens (Bootface), Constantine Allen (Moondog)

The Lady and the Fool. Tänzer: Louis Stiens (Bootface), Constantine Allen (Moondog)

in der dieser die von der Gesellschaft Ausgestoßenen porträtiert hatte wie etwa Artisten vor einem kümmerlichen Mal. Bei Cranko sind es zwei Clowns, die sich frierend auf einer Parkbank zur Nacht betten. Ähnlich wie in „Pineapple Poll“ reichen Cranko auch hier wenige Gesten, kurze Bewegungen, um die enge Verbundenheit der beiden zu charakterisieren, ihre Notlage und zugleich doch auch die Tatsache, dass sie sich längst ihrem Schicksal ergeben und sich in ihm eingerichtet haben.

Umso krasser die Welt der Reichen auf dem Ball, zu dem die beiden von der geheimnisvollen Dame eingeladen werden. Alles ist hier auf Hochglanz getrimmt: Ausladende Gesten, lange Tanzsequenzen stehen den knappen, dafür umso eindringlicheren Gesten und Mimiken der Clowns entgegen. Die Dame, und mit ihr der Ballettbesucher, erkennt bald, dass der virtuose Tanz der Ballgesellschaft hohl und leer ist verglichen mit der wahren Empfindung der beiden Clowns. In einer raffinierten Umkehrung der üblichen Rollen macht Cranko deutlich: Die Clowns, die eigentlich Rollenmuster auf der Bühne realisieren sollten, sind die wahren Menschen; die Ballbesucher, die mitten im Leben stehen, sind inhaltsleere Rollenspieler.

The Lady and the Fool Chr: John Cranko Tänzer/dancers: Alicia Amatriain (Lady), Constantine Allen (Moondog)

The Lady and the Fool. Tänzers: Alicia Amatriain (Lady), Constantine Allen (Moondog)

Dabei hatte der junge Choreograph den Mut, beide Seiten mit den Mitteln des klassischen Tanzes zu charakterisieren, wobei der Tanz der Ballgesellschaft, der denselben Traditionen folgt wie der Pas de deux, zu dem die Lady mit einem der Clowns verschmilzt, sich als reine Pose entlarvt. Ganz allmählich macht Alicia Amatriain den Übergang von der gelangweilten, von gesellschaftlichem Ennui frustrierten Dame zur empfindenden Frau spürbar.

Faszinierend gestalten Constantine Allen und Louis Stiens die beiden Fremdkörper in der reichen Gesellschaft, die nicht in das Ambiente passen wollen und gerade deshalb stets sie selbst sind. Das ist Ballett auf höchstem philosophischem Niveau, wie man es von einem in Jahrzehnten weise gewordenen Choreographen erwarten sollte, nicht von einem siebenundzwanzigjährigen Mann. Hier zeigt sich bereits die emotionale Tiefe, wie Cranko sie später in seinen tragischen abendfüllenden Handlungsballetten ausformulieren sollte, und zugleich der Witz, der ja selbst in seinen Tragödien nicht fehlt.

Reid Anderson ist mit diesem Programm eine wichtige Ergänzung des Cranko-Repertoires an dem von ihm geleiteten Stuttgarter Balletts gelungen; entstanden ist ein Ballettabend großer Tanzkunst, der nur einen Schönheitsfehler hat: den Titel. Die eigentlichen Cranko-Klassiker bleiben seine großen Stuttgarter Arbeiten – „Pineapple Poll“ und „The Lady and the Fool“ sind das große Entree zu ihnen, was nicht heißen soll, es seien Vorarbeiten. Es ist ein Ballettabend mit zwei Meisterwerken, für den sich ganz andere Titel eignen würden: „Frühvollendet“ zum Beispiel, oder „A Genius is born“.

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