Nicht nur illustriert – Picassos Kunstbücher in Göppingen

In der Regel führen sie ein Nischendasein, dabei müsste ihnen eigentlich ein großes Publikum sicher sein: Bücher, die von Künstlern gestaltet wurden, denn selten ist das Spektrum eines Genres, um nicht gleich von einer Kunstgattung zu reden, derart groß wie in dem Fall, da sich ein Künstler dem eigentlich dem Lesen vorbehaltenen Kommunikationsmedium widmet. Das konnte, wie jahrhundertelang kultiviert, in Form von Illustrationen geschehen, das konnte in eigenen Texten bestehen, die mit Bildern versehen wurden, das konnten auch ganz eigene Buchformen sein, wie es die Dadaisten und nach ihnen die Künstler des Fluxus praktizierten. Dennoch sucht man Künstlerbücher in Museen oft vergebens. Die Kunsthalle Göppingen zeigt nun Künstlerbücher eines Mannes, der vielen als Inbegriff des Künstlers des 20. Jahrhunderts schlechthin gilt, Pablo Picasso.

 

Natürlich hat auch Picasso literarische Texte einfach nur „illustriert“, das heißt, mit Zeichnungen versehen. So etwa in seinem großen Zyklus zu Ovids Metamorphosen, mit dem der Göppinger Ausstellungsparcours beginnt. Da finden sich Szenen zu Ovids meisterhaften mythischen Geschichten – aber man sieht vor allem Frauengesichter, gelegentlich von Männeraugen betrachtet. Was auf den ersten Blick wie eine traditionelle Illustration einzelner Begebenheiten in einem Buch aussieht, ist eine ganz eigene Kombination von szenischen Illustrationen und einem Kommentar zum Buch, und der mündet in einer Hommage an die Frau – bei einem Mann wie Picasso nicht verwunderlich.

Eine Frau stand auch ganz im Zentrum seiner Aufmerksamkeit, als er Prosper Mérimées Novelle Carmen illustrierte, und auch hier beschritt er ganz eigene Wege. Er verzichtete weitgehend auf die Episoden, in deren Zentrum der amour fou des Sergeanten Don José zur Zigeunerin Carmen steht. Picasso zeichnet ausschließlich die Titelheldin und hebt damit die Faszination hervor, die der Held empfindet und die sowohl ihm wie auch dem Leser letztlich unerklärlich ist, denn die beiden passen nicht zusammen. Picasso legt damit den Finger auf das zentrale Phänomen dieser Erzählung.

Zugleich spielt er alle Varianten eines Frauenporträts im 20. Jahrhundert durch, von nahezu realistischer Gestaltung bis hin zur extremen Abstraktion. In einem Fall reduziert sich das Gesicht auf einen Kreis, in dessen Mitte ein paar Pünktchen stehen, die bei – zugegeben sehr – naher Betrachtung ein Gesicht ergeben, wenn auch nur rudimentär. Auch in seinen Buchgestaltungen erweist sich Picasso als Grenzgänger zwischen Abbildlichkeit und Ungegenständlichkeit. Das gilt vor allem für seinen Zyklus zum karibischen Politiker und Schriftsteller Aimé Césaire. Dessen ins Surreale gleitenden Gedichte, die Jean Paul Sartre einmal als raketenhaft wirbelnde Sonnenexplosionen charakterisiert hat, regten Picasso zu fast völlig ungegenständlichen zeichnerischen Gebilden an, zugleich widmete er seine Arbeiten auch dem großen Mitbegründer der Négritude, der freien Selbstbehauptung Afrikas, indem er Gesichter nach dem Vorbild afrikanischer Masken gestaltete. Immer wieder findet sich in seinem Buchschaffen die Vermengung mehrerer interpretatorischer Ebenen seiner literarischen Vorlagen.

Das gilt auch für die „Illustration“, die noch am ehesten traditionell genannt werden könnte: seine Deutung von Balzacs Erzählung Das unbekannte Meisterwerk, in der Balzac bereits die Kunstentwicklung des 20. Jahrhundert vorausgeahnt zu haben scheint, denn der Held seiner Geschichte strebt das absolute Kunstwerk an, und das ist bar jeder erkennbaren Gegenständlichkeit, für Picasso Gelegenheit zu einer Tour de force durch die stilistischen Möglichkeiten der Zeichnung im 20. Jahrhundert.

Selten wiederholte sich Picasso, wenn er Bücher gestaltete, vielmehr versuchte er, die Grenzen dieser Spezies auszuloten und zu sprengen. Pierre Reverdys unter dem Eindruck des 1. Weltkriegs geschriebenen Gesang der Toten hat er, schon das eine sich mit dem Text identifizierende Hommage an den Dichter, in großen Buchstaben in Schreibschrift zu Papier gebracht und dann die Bewegung der Buchstaben mit rotem Pinsel abstrakt künstlerisch nachempfunden. Das ist eine „formale“ Illustration von Text, von Schrift schlechthin, nicht eine inhaltliche eines Gedichts. Indem er Reverdys Text eigenhändig abschrieb, bekannte er sich außerdem zu dessen Antikriegshaltung. So ist sein Reverdy-Buch auch ein politisches Statement, ähnlich wie seine Zeichnungen zu pazifistischen Texten von Paul Eluard, für die er als Symbol die Taube wählte.

Zudem macht die Ausstellung deutlich, was für ein belesener Künstler Picasso war, der sich zu Autoren hingezogen fühlte, die heute kaum mehr bekannt sind, neben den Genannten auch Luis de Góngora und José Delgado.

Und schließlich zeigt die Ausstellung die unstillbare Neugier dieses Jahrhundertkünstlers für technische Experimente. Für seine Arbeiten zu Texten von Jacques Prévert bediente er sich fotografischer Vorlagen von André Villiers und schuf surreale Bildwelten ganz eigener Art.

Picasso, der Buchkünstler, ist der ganze Picasso, der stilistische Experimentator, der Meister aller Ausdrucksstile, der politisch engagierte Zeitgenosse – der Künstler durch und durch.

Picasso und die Literatur“, Kunsthalle Göppingen bis 28.2.2018

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