Unmögliche Räume: Martin Kaspers „Architekturmalerei“

My home is my castle – der englische Spruch verrät Stolz und ein Gefühl der Sicherheit. Die Welt da draußen ist voller Gefahren – fremd, bedrohlich. Der Rückzug ins Innere, ins Eigenheim verspricht Vertrautheit, Wärme, Zuflucht. Aber das Innen kann auch Gefängnis sein. Piranesis Radierungen der Carceri wurden gedeutet als Alptraumwelten, die Räume bei Max Beckmann verbreiten eine Stimmung des Unbehagens. Auch Martin Kasper malt Innenräume. Bei ihm sind es Symbole der Verunsicherung, dabei wirken sie auf den ersten Blick ganz „normal“.

Schusev 1, 2017 © VG Bild-Kunst Bonn, 2018. Foto: Bernhard Strauss

Man wähnt sich in einem feudalen Haus. Das Treppenfoyer hat die Dimension eines großen Saals. Der Kronleuchter verrät Wohlstand und den Hang des Besitzers, ihn auch zu zeigen. Martin Kasper hat den Raum realistisch nach alter Manier gemalt, streng nach der Zentralperspektive. Das findet sich bei ihm häufig und erweckt im Betrachter sogleich ein festes Gefühl der sicheren Orientierung. Doch warum ist die Laibung der Tür rechts so ungewöhnlich tief? Was lehnt da für ein Brett gleich daneben an der Wand? Warum kleben an der Rückwand des Nebenzimmers Plakate, als wäre es ein Polizeirevier mit Fahndungsfotos?

Und unversehens fragt man sich, um was für einen Raum es sich überhaupt handelt. Auf anderen Bildern führen Treppen ins Leere, werden unterschiedliche Perspektiven zusammengespannt. Kaspers Raumbilder spielen mit den bekannten Accessoires dessen, was uns als Innenraum vertraut ist – und arbeiten zugleich gegen sie an. Diese Räume sind nicht realistische Räume, diese Bilder sind ein Spiel mit dem Raumkonzept an sich. Es sind virtuelle Räume – es könnte sie geben und wird sie so doch nie geben. Der Betrachter gerät in ein Wechselbad der Empfindungen, schwankt ständig zwischen Wirklichkeitseindruck und unwirklicher Traumwelt. Dazu trägt bei, dass es diesen Räumen an Bewohnern fehlt. Kasper malt leere Räume, die wie aus Versatzstücken komponiert sind. Immer wieder finden sich Bilder, die meist vorläufig an die Wand gelehnt sind. Diese Räume erwecken den Eindruck, alte Räume zu sein, und scheinen zugleich auf irgendeine geheimnisvolle Weise noch nicht fertig zu sein. Was wie solide Architektur wirkt, entpuppt sich als Welt in Auflösung oder im Aufbau. So bringt Kasper das Phänomen Zeit in Räume. Man fühlt sich an Wagners Parsifal erinnert: „Zum Raum wird hier die Zeit“. Man hört buchstäblich die Uhr ticken, natürlich eine große altmodische Standuhr.

Halle, 2018 © VG Bild-Kunst Bonn, 2018. Foto: Bernhard Strauss

Diese Räume wirken wie Theater, zusammengebaut aus Kulissen, die nicht ganz zusammenzupassen scheinen. Mehr noch: Trotz der Ausrichtung an der Zentralperspektive entpuppen sich diese Räume als reine Malerei. Nicht selten integriert Kasper rein malerische Flächen in seine Räume, die mit Architektur nichts zu tun haben: So prallen zwei Wirklichkeitskonzepte aufeinander: derarchitektonischeRaum und die reine, plane, gar abstrakte Malerei.

Saal, 2018 © VG Bild-Kunst Bonn, 2018. Foto: Bernhard Strauss

Für seine Ausstellung im Wasserschloss Glatt bei Sulz am Neckar ging Kasper noch einen Schritt weiter, einen gewaltigen sogar. Zunächst fertigte er ein realistisches Bild vom großen Fürstensaal an. So etwas hat er schon öfter getan. Auf diese Weise wird der Ausstellungsraum zum Bild. In diesem Fall aber tut er so, als stehe in dem Fürstensaal bereits sein gerade gemaltes Bild, das eben den Fürstensaal zeigt. So verlängert sich die Architektur des Saales ins Unendliche: Das Bild im Bild zeigt das Bild im Bild usw.

Auf einem zweiten Gemälde, das ebenfalls im Fürstensaal hängt, hat Kasper den Raum noch einmal porträtiert, doch diesmal schieben sich die erwähnten abstrakten Bildstreifen über den Raum. Und auf einem dritten Bild hat er das ganze Wasserschloss verewigt. Da geistern Teile einer Ritterrüstung durch den Raum, die man in einem unteren Stockwerk des Schlosses bewundern kann. Zudem hat Kasper hier alle Perspektiven fast willkürlich miteinander zusammengespannt und alle Bildelemente teilweise durcheinandergewirbelt, dass man den Eindruck hat, man blicke in eine sich drehende Trommel einer Waschmaschine. Das Statische eines Raumbildes hat er radikal dynamisiert: Raum wird Bewegung.

So radikal hat er noch nie den Raum verwandelt. Es bleibt mit Spannung abzuwarten, in welche Richtung sich dieser Maler nach Glatt entwickeln wird. Derselbe ist er bereits jetzt nicht mehr.

Vertigo. Martin Kasper im Wasserschloss Glatt“, Wasserschloss Glatt bis 22.7.2018. Katalog 68 Seiten

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