Zwischen theologischer Disputation und Realpolitik: Die Reformation in Württemberg

Ein Augustinermönch brachte mit 95 theologischen Thesen den Stein ins Rollen und schuf damit ein Schisma, das nur noch der Trennung der orthodoxen von der katholischen Kirche 1054 vergleichbar ist, wenn überhaupt, denn zu den Folgen von Luthers Streit mit dem Papst gehörte immerhin auch der 30jährige Krieg, dem im 17. Jahrhundert ein Drittel der deutschen Bevölkerung zum Opfer fiel, ohne Luther hätte die politische Geschichte in Deutschland anders ausgesehen, wäre die Entwicklung der deutschen Sprache anders verlaufen. Eine Ausstellung im Württembergischen Kunstverein in Stuttgart macht plastisch deutlich, welche Dimensionen diese Tat eines Einzelnen hatte.

Wie eine Lichtgestalt steht er da: Herzog Ulrich, vertreten durch seine Rüstung – mit gutem Grund, denn in seiner Rüstung – im Krieg – hatte er sein politisches Amt verloren, und durch Krieg konnte er es wieder an sich ziehen. Man sollte vielleicht erwarten, dass vor allem jener Mann in einem solchen inszenatorischen Licht erscheinen würde, der all das ausgelöst hat, Martin Luther. Doch ob die neue Konfession in der Form und Intensität im Herzogtum Württemberg Eingang gefunden hätte, wäre nicht Ulrich hier Herzog gewesen bzw. wieder geworden, ist fraglich, und vielleicht ist auch fraglich, ob Ulrich sich derart für die neue Richtung eingesetzt hätte, wenn er sicher und unangefochten auf seinem Herzogsthron gewesen wäre, denn die alte Frömmigkeit in Württemberg war vor Luthers Auftreten sehr ausgeprägt, wie beispielsweise die prunkvolle Muttergottesgruppe einer Privatfamilie zeigt oder auch ein Paternoster von Herzog Eberhard im Bart. Württemberg hätte also gut und gern auch katholisch bleiben können.

So zeigt mit dieser Rüstung ein einziges Exponat anschaulich die ganze politische Situation im Land, und diese Erkenntnisleistung gilt für die meisten Exponate in dieser Ausstellung. Natürlich hat auch Martin Luther hinreichend Platz in Form von Porträts, mit denen etwa Lucas Cranach versuchte, den Reformator möglichst lebensecht darzustellen, damit jeder wisse, wie der Mann aussah, der die Christenheit in eine neue, möglicherweise bessere Zukunft führen wollte. Und es blieb nicht bei diesen Versuchen realistischer Porträtkunst. Eine Bildtafel am Mömpelgarder Altar, in der Ausstellung als Bildkopie vertreten, zeigt den jungen Jesus, wie er im Tempel den Priestern Lehren erteilt, und dieser Jesus trägt eindeutig die Gesichtszüge von Martin Luther. Fulminanter kann man die Rolle, in der dieser Mann wirkte, nicht mehr darstellen: Luther als genuiner Nachfolger des Messias in der Rolle als Lehrer des Klerus.

Ambrosius Fütter. Martin Luther, 1530. Deutschhauskirche Würzburg

Übertrumpft wird diese Darstellung allerdings noch durch ein Porträt, das Luther als Heiligen präsentiert; es zeigt den Kopf des Reformators vor Goldgrund, in einem Heiligenschein gewissermaßen. Ironie der Geschichte: Ausgerechnet der Mann, der die Heiligen abschaffen wollte, wird von seinen Gefolgsleuten in ihre Reihen eingegliedert.

Luthers Erfolg hat viele mögliche Gründe, einer lag sicher im Zeitempfinden. Soeben war die Jahrhundertwende glücklich überstanden, sprich erlebt worden, doch das gerade zurückliegende ausgehende 15. Jahrhundert war wie so viele vergleichbare Zeitenwenden geprägt von Untergangsvisionen und -ängsten. 1498 brachte Albrecht Dürer sie in einem großen Grafikzyklus zu Papier, der, diese Unsicherheit illustrierend, den Auftakt zur Ausstellung bildet, und diese Verunsicherung bestand offenbar auch noch zehn Jahre, nachdem man den Zeitenwechsel glücklich überlebt hatte, denn Dürer gab den Apokalypse-Zyklus 1511 noch einmal heraus. Wie sehr die neue Reformation auf Bildern dieser Visionen aufbaute, zeigen Abbildungen, auf denen der Papst mit seiner Geldgier als Antichrist dargestellt ist. Der Papst seinerseits zahlte mit gleicher Münze zurück. In seiner Bannandrohungsbulle Exsurge Domine bezeichnet er den gegnerischen Mönch als Wildschwein, das den Garten des Herrn zu zerwühlen trachte. Drei Exemplare gibt es von dieser prachtvoll verzierten Bulle, eines davon befindet sich im Landesarchiv Baden-Württemberg, das diese Ausstellung realisiert hat.

Beide Seiten blieben einander nichts schuldig. Die Ausstellung zeigt die verbalen Schlachten beider Seiten jeweils dicht nebeneinander – Sebastian Felbaum präsentierte in einer Flugschrift einen heruntergekommenen Mönch, stellvertretend für die Reformation, und einen Altvatter, der mit mahnendem Finger die alte Lehre predigt. Dagegen steht eine Sammlung mit Spottgedichten, die über die katholischen Geistlichen und Mönche lästern, wobei die Augustiner etwas besser als andere abschneiden, schließlich war Luther einmal Mitglied dieses Ordens!

Luther hatte freilich auch ganz konkrete Gründe anzuführen, weshalb man sich ihm anschließen solle, denn der aus dem Ruder gelaufene Ablasshandel zielte schließlich auf den Geldbeutel des kleinen Mannes. So gewährte ein besonders prächtig verzierter Ablassbrief der Pfarrkirche St. Maria in Altshausen hundert Tage Sündenablass, sofern die Bittenden mit frommen Werken zur Ausstattung der Kirche beitrügen. Wie skurril derlei Methoden ausfielen, zeigt eine Kasse, bei der ein Weihwasserbecken durch eine Metallabdeckung mit Schlitz zur Münzkasse umfunktioniert wurde – so dicht lagen christliche Weihe und Geldeintreiberei beieinander. Kein Wunder, dass die ersten der 95 Thesen Luthers gegen den Ablasshandel zielten. Und weil Luther nicht nur seine Theologenkollegen erreichen wollte, sondern die ganze Bevölkerung, ließ er sogleich ein ganzes Traktat zu diesem Thema folgen – in deutscher Sprache, damit jeder seine Anliegen verstehe. Gerade einmal siebzig Jahre war die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern von Johannes Gutenberg alt, da setzte sie Luther als Propagandamedium ein, als hätte er moderne Public Relations studiert und nicht Theologie. Das belegt eine Vitrine, die denr erstaunlichen Ausstoß an Druckschriften innerhalb kurzer Zeit demonstriert. Luther war ein Kommunikationsgenie, der sich nicht auf seine theologischen Gefolgskameraden wie Melanchthon allein verließ. Er wusste genau, wo seine Leute saßen und welche Probleme diese umtrieben. So schrieb er persönliche Briefe nach Esslingen, Reutlingen und Ulm – ein Mann, der nicht vom fernen Papstthron aus regierte, sondern persönlich und damit volksnah in das Geschehen eingriff.

Und die Fürsten halfen ihm tatkräftig – zum einen, weil sie wohl tatsächlich davon überzeugt waren, dass bei Luther die eigentliche Wahrheit lag, zum anderen, weil sie sich durch die Auflösung der Klöster einen Macht- und Vermögenszuwachs erhofften, nicht zu Unrecht. Und hier erwies sich Ulrich als einer der wirkungsvollsten Parteigänger des Reformators, weshalb er völlig zu Recht in dieser Ausstellung eine derart prominente Stelle zugewiesen bekam. Was das für die Klöster in Bebenhausen, Alpirsbach und Maulbronn bedeutete, findet sich jeweils an diesen Orten ausgestellt. Württemberg erwies sich aus Sicht des Reformators als Musterländle par excellence – und die Ausstellung zeigt, wie an sich trockene Exponate aus historischen Archiven bei sinnvoller Inszenierung zu Seiten eines anschaulichen Geschichtsbuchs werden können.

Freiheit – Wahrheit – Evangelium. Die Reformation in Württemberg“.Stuttgart, Kunstgebäude, sowie in den Klöstern Alpirsbach, Bebenhausen und Maulbronn bis 19.1.2018. Katalog 416 Seiten, 25 Euro, Aufsatzband 336 Seiten, 30 Euro, gemeinsam 50 Euro

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