Man kann Kunst als Wertanlage sammeln, um kunsthistorische Epochen zu dokumentieren – oder aus ästhetischer Freude an Kunstwerken. Letzteres tat das Freiburger Ehepaar Kerp, auch wenn ihre Vorlieben zum größten Teil doch einer Kunstrichtung folgten, allerdings einer Richtung, die offenbar zeitlos ist, der konkret-konstruktivistischen. Die Erbin des Sammlerehepaars hat den größten Teil diese Sammlung dem Kunstmuseum Reutlingen für zehn Jahre zur uneingeschränkten Verwendung zur Verfügung gestellt. Das Museum präsentiert sie in einer ungewohnten Form.
Archiv der Kategorie: Kunst
Zeitlose Malerei des 19. Jahrhunderts: Hans Thoma
Er liebte seine Schwarzwälder Heimat – Hans Thoma, 1839 in Bernau geboren – und war ganz der Malerei des 19. Jahrhunderts verpflichtet – was ihn aus heutiger Sicht leicht veraltet wirken lässt. Das ist er sicher auch, doch in einer Ausstellung in der Kunststiftung Hohenkarpfen kann man entdecken, dass auch eine solche ganz ihrer Zeit verhaftete Malerei selbst im 21. Jahrhundert ihre Faszination ausüben kann, sofern es sich um Malerei von Rang handelt. Bei Hans Thoma ist das, zumindest in seinen besten Arbeiten, der Fall.
Meernymphen, o.J., Foto: U. Schäfer-Zerbst
Pole menschlicher Existenz: Die Passion aus der Sicht von Künstlern
Zwei sich im rechten Winkel querende Striche – ein Kreuz. Es findet sich schon in der Frühzeit der Menschen, in der Mathematik, im Straßenverkehr – und in der Religion, in der christlichen zumal an zentraler Stelle als Symbol für den Tod Christi. Dreißig Jahre lang lud die Gemeinde St. Fidelis in Sigmaringen Künstler unserer Tage zu Ostern ein, sich bildnerisch Gedanken zu diesem Anlass zu machen. Eine Ausstellung in der Kreisgalerie in Schloss Meßkirch dokumentiert diese Aktionen: „Der Tod hat nicht das letzte Wort.“
Das Einst zum Leben erwecken: Die Kunst der Erinnerung von Julia Weißflog
Zucker, Eier, Butter, Mehl, etwas Vanille – mehr braucht es nicht für die süßen Madeleineküchlein. Durch Marcel Proust fanden sie Eingang in die Weltliteratur, denn ihr Geschmack entführt den Erzähler seines großen Romans Auf der Suche nach der verlorenen Zeit in die Welt seiner Kindheit, und sie sind nicht die einzigen Auslöser für seine Erinnerungen an die Vergangenheit. Auch eine Melodie oder der Anblick von drei Bäumen in Balbec entführen ihn in die „verlorene Zeit“. Bei der jungen Graphikerin Julia Weißflog war es das Haus ihrer Kindheitstage, wie die Ausstellung der diesjährigen Preisträgerin des Holzschnitt-Förderpreises des Freundeskreises des Kunstmuseums Reutlingen zeigt.
Scheinbar Unwichtiges XXV, 2022. Foto: U. Schäfer-Zerbst
Rätselhafte Klarheit: Hans Peter Reuter
Es ist das vielleicht schlichteste, zugleich am eindeutigsten identifizierbare geometrische Gebilde: das Quadrat, zu dessen Konstruktion es einer einzigen Angabe bedarf: Seitenlänge oder Diagonale. Im Unterschied zu Rechteck, Raute oder Trapez ist ein Quadrat stets – frei nach Gertrude Stein – ein Quadrat ist ein Quadrat…. Der Maler Hans Peter Reuter hat es seit Jahrzehnten zur Keimzelle seines ganzen bildnerischen Schaffens gemacht – und sein enormes Ausdrucksspektrum trotz der Gleichförmigkeit demonstriert.
Große Kunst in kleiner Stadt: 35 Jahre Städtische Galerie Ochsenhausen
Ochsenhausen hat nur knapp 9000 Einwohner; dass es dennoch Anziehungspunkt für Kulturinteressierte ist, verdankt es letztlich dem Zufall. Der erste war der Sage nach ein Ochse, der beim Pflügen auf einen Schatz stieß, den Nonnen auf der Flucht vor den Hunnen vergraben hatten – Ursprung des Klosters Ochsenhausen, das nicht zuletzt durch den Ehrgeiz seiner Äbte bis zur Reichsabtei mit grandiosen barocken Bauten aufstieg. Dass Ochsenhausen seit Jahrzehnten auch ein Zentrum für Freunde moderner Kunst ist, verdankt es letztlich einer Person und einem Quäntchen Glück.
Kloster Ochsenhausen, Fruchtkasten
In jeder Hinsicht offen: Georgia Russells „Schnittkunst“
Ein Bild ist statisch, zweidimensional, kann Räumlichkeit allenfalls durch technische Hilfsmittel wie die Zentralperspektive andeuten. Die Schottin Georgia Russell kennt sich damit aus, sie hat an der Londoner Kunstakademie ihren Abschluss in Druckgraphik absolviert, und sie arbeitet seit rund zwanzig Jahren auch mit Flächen – bemalt oder bedruckt. Die Städtische Galerie Tuttlingen zeigt, dass das Resultat alles andere als flach ist.
Silber in allen Schattierungen im Museum im Prediger, Schwäbisch Gmünd
Ein goldfarbener, in der Fassade durchbrochener großer Würfel ziert den Eingang von Schwäbisch Gmünd seit der dortigen Landesgartenschau 2014, ein symbolischer Hinweis auf die Bedeutung, die das Gold- und Silberschmiedegewerbe hier hatten. Die Stadt profitiert heute noch davon: Das Städtische Museum geht unter anderem auf eine Initiative des Silberwarenfabrikanten Hermann Bauer zurück. Jetzt ist eine große Ausstellung dem edlen Metall gewidmet: Timeless Silver.
Kreuzreliquiar in Form eines Kalvarienbergs, Ulm, 1440/1450. Foto: U. Schäfer-Zerbst
Chimären aus Bronze von Karl-Ulrich Nuss
Sie hat den Körper eines Löwen und den Kopf eines Menschen – die Sphinx, das wohl bekannteste Mischwesen, das Tier- und Menschensphäre miteinander verbindet. Umgekehrt war es bei Thot im alten Ägypten: Er hatte den Kopf eines Ibis und den Körper eines Menschen. Dabei sind Mensch und Tier doch so eng miteinander verwandt, dass man eigentlich nicht die Welt der Mythen und Märchen bräuchte. Chimäre nennt man ein Mischwesen aus der griechischen Mythologie, Chimären kennt aber auch unsere Naturwissenschaft, die gebräuchlichste Form entsteht durch Veredlung bei Gehölzen. Der Bildhauer Karl-Ulrich Nuss hat seine eigene Chimärenwelt realisiert. Schließlich ist alles denkbar, es ist nur eine Frage der Fantasie.
Schlechse, 2017. Foto: U. Schäfer-Zerbst
Seiner Zeit voraus: James Ensor im Kunstmuseum Reutlingen
Es sei das schwärzeste Kapitel in der belgischen Kulturpolitik gewesen, als sie zuließ, dass James Ensors riesiges Gemälde Der Einzug Christi in Brüssel außer Landes in den Besitz des Getty-Museums in New York gelangte. Das war 1987, Ensor war da schon zwanzig Jahre tot und längst eine große Figur in der Kunstgeschichte, auch wenn diese sich mit seiner Einordnung schwer tat und ihn mal dem Impressionismus, mal dem Surrealismus, mal der fantastischen Malerei zuschlug. Er selbst sah sich als Maler der Masken, denn sie, die er im Kuriositätenladen seiner Mutter zuhauf erlebte, prägten seine Kunst- wie auch seine Weltsicht.
Der Einzug Christi in Brüssel, 1898, Sammlung Deckers, Ostende, Foto: Steven Decroos





